Handel im Wandel – Umschulung Hauswirtschaft

„Spracherwerb ist und bleibt der erfolgskritische Faktor“, betont der BA-Vorstandsvorsitzende Detlef Scheele in seinem Interview in dieser Ausgabe von Personal direkt. Zwei Modellprojekte der gemeinnützigen GFFB, die seit Jahren zu den wichtigen Bildungseinrichtungen und innovativen Arbeitsmarktdienstleistern in Frankfurt zählt, zeigen Wege auf, wie diese unstrittige Einsicht in der Praxis umgesetzt und ausgestaltet werden kann. Konzeptionelle Grundlage der beiden Modellprojekte „Handel im Wandel“ und „Umschulung Hauswirtschaft“ ist die „berufsintegrierte Sprachförderung“. GFFB-Geschäftsführerin Barbara Wagner erläutert das Ziel: „Es geht darum, die Voraussetzungen für die Integration von Menschen mit allgemein-, fach- und/oder bildungssprachlichen Defiziten zu verbessern.“ Beide Modellprojekte sind abschlussorientiert und bereiten auf die IHK-Prüfung vor. Sie werden in Teilzeit durchgeführt, um auch (Allein-)Erziehenden die Teilnahme zu ermöglichen. „Handel im Wandel“ hat bereits Anerkennung gefunden und wurde mit dem Integrationspreis 2017 der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. 

„Berufsintegrierte Sprachförderung“

Die „berufsintegrierte Sprachförderung“ unterscheidet sich von den klassischen BAMF-Sprach- und Integrationskursen für Geflüchtete und Menschen mit Migrationsbiografie. Deren Ziel ist der Aufbau allgemeinsprachlicher Kompetenzen und der testierte Erwerb eines bestimmten Sprachniveaus. Die Vermittlung von berufsspezifischen Fachinhalten ist nicht Inhalt und Ziel dieser Kurse. „Daher ist eine berufliche Integration nicht gewährleistet“, so Barbara Wagner. Die berufsintegrierte Sprachförderung hingegen verbindet berufliche Unterweisung und Sprachförderung, Fachlernen und Sprachler-nen. Die Maßnahme ist berufsbezogen ausgerichtet und hat das konkrete Ziel einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Dieser Ansatz schafft einen lebenspraktischen Bezugsrahmen für die parallele Förderung der fachlichen und der (fach-)sprachlichen Handlungskompetenz. Darin liegt der Hauptunterschied zu der eher abstrakttheoretischen, schulmäßigen Lernsituation klassischer Sprachkurse. 

GFFB-Teamleiterin Maria Theresia Franz-Götz erklärt: „Berufsintegrierte Sprachförderung bedeutet, dass eine ausgebildete Sprachförderkraft in enger Zusammenarbeit mit der zuständigen Fachanleitung im Teamteaching arbeitet. Darüber hinaus begleitet die Sprachförderkraft die Teilnehmer/-in-nen regelmäßig bei deren Arbeitseinsätzen im Rahmen der Praxisbegleitung. Abgerundet wird der Ansatz der berufsintegrierten Sprachförderung durch den Sprachförderunterricht, der auf das Thema Bildungssprache fokussiert ist.“ Die wesentlichen Lehr- und Lernmaterialien hat die GFFB wegen fehlender Angebote der Schulbuchverlage selbst entwickelt.

„Handel im Wandel“

Das Modellprojekt „Handel im Wandel“ hat ein klares Ziel: Die Teilnehmer/-innen sollen den Kurs mit der erfolgreichen IHK-Prüfung als Verkäufer/-in abschließen. Der Berufsabschluss soll die Basis für eine qualifizierte und entsprechend bezahlte Tätigkeit schaffen. Das Modellprojekt wurde im Rahmen eines Innovationsprogramms des hessischen Sozialministeriums ausgewählt und in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz im April 2016 gestartet. Zielgruppe für diese „Nachqualifizierung mit berufsintegrierter Sprachförderung“ sind langzeitarbeitslose Migranten/-innen, die in Sprachkursen das Niveau B1 bereits erlangt haben. 

Zwölf Menschen mit Migrationsbiografie nehmen am Modellprojekt „Handel im Wandel“ teil, zehn Frauen und zwei Männer – eine heterogene Gruppe im Alter zwischen 31 und 50 Jahren aus ganz unterschiedlichen Herkunftsländern: Afghanistan, Albanien, Äthiopien, Ecuador, Eritrea, Italien, Kenia, Kongo, Marokko, Pakistan und Thailand. Sie gehören also nicht zu den Geflüchteten der Jahre ab 2015, sondern leben schon länger in Deutschland – nämlich zehn bis zwanzig Jahre. Vier Alleinerziehende haben ein bis vier Kinder. Ihre Situation ist durch Langzeitarbeitslosigkeit gekennzeichnet, denn acht Teilnehmer/-innen beziehen länger als fünf Jahre und vier weniger als fünf Jahre Leistungen des Jobcenters. Hinter dem Begriff „Migrationsbiografie“ stehen menschliche Schicksale mit psychosozialen Belastungen durch Krieg, Flucht und Vertreibung, mangelnden Bildungsvoraussetzungen durch wenige Jahre Schulbesuch sowie fehlender oder nur teilweiser Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Hinzu kommen z. T. schwierige Familien-situationen, gesundheitliche Einschränkungen und finanzielle Belastungen. 

Die Vorbereitung auf die IHK-Prüfung zur Verkäuferin bzw. zum Verkäufer umfasst die theoretische und praktische Vermittlung der Ausbildungsinhalte, die u. a. bei Praxiseinsätzen im DRK-Kleiderladen „Kreuz und Quer“ in Frankfurt Sachsenhausen oder bei Handelsunternehmen erlernt werden. Den fachtheoretischen Unterricht leitet Sonja Straka als Fachanleiterin in Zusammenarbeit mit der Sprachförderkraft Ruth Horstmann-Barbosa. Sie be-gleitet die Teilnehmer nicht nur durch das Teamteaching beim fachtheoretischen Unterricht, sondern auch vor Ort bei den Praxiseinsätzen. Das Training umfasst die Erweiterung der allgemein und fachsprachlichen Kompetenzen, die Förderung der Bildungssprache und insbesondere die Stärkung der Kommunikationsfähigkeit gegenüber Kunden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehen zuversichtlich davon aus, dass sie in wenigen Wochen die IHK-Prüfung bestehen. 

Umschulung Hauswirtschaft

Die Umschulung zur Hauswirtschafterin bzw. zum  Hauswirtschafter ist nach demselben Grundprinzip der berufsintegrierten Sprachförderung wie „Handel im Wandel“ konzipiert. Ziel ist der Berufsabschluss vor der IHK. Die fachtheoretischen und -praktischen Ausbildungsinhalte werden im Teamteaching vermittelt – von Natalie Becker als Fachanleitung und Esther Reimers als Sprachförderkraft. Die Inhalte werden zielgruppenorientiert vor-, auf- und nachbereitet. Durch die berufsintegrierte Sprachförderung sollen die Teilnehmerinnen befähigt werden, den mündlichen und schriftlichen Teil der IHK-Prüfung sprachlich zu bewältigen, und insbesondere so weit kommen, dass sie mit Kollegen und Vorgesetzten kommunizieren und Arbeitsaufträge, Anleitungen und Hinweise verstehen können.   

Alle 15 Teilnehmerinnen sind Frauen im Alter zwischen 30 und 48 Jahren, ihr Durchschnittsalter liegt bei 39 Jahren. Vier von ihnen kommen aus Deutschland, die anderen aus Äthiopien, Bosnien-Herzegowina, Indien, Kasachstan, Marokko, Nepal, Pakistan, Polen, Serbien und Thailand. Auch hier leben die Teilnehmerinnen mit Migrationsbiografie schon länger in Deutschland – zwischen neun und zwanzig Jahren. Ihre „Profillage“ unterscheidet sich nicht wesentlich von den Kursteilnehmern bei „Handel im Wandel“. Sie sind zum Teil bildungsfern, haben keinen oder keinen anerkannten Abschluss oder sonstige Beeinträchtigungen, die das Jobcenter als „multiple Vermittlungshemmnisse“ bezeichnet. Auch in dieser Gruppe bezieht die Mehrzahl seit mehr als fünf Jahren Leistungen des Jobcenters. Sechs Teilnehmerinnen sind alleinerziehend mit einem oder zwei Kindern. Vor diesem Hintergrund ist in beiden Modellprojekten eine sozialpädagogische Begleitung vorgesehen.
Was erwarten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in beiden Modellprojekten? Teilhabe am Berufsleben und damit gesellschaftliche Teilhabe, ist ihre Antwort. Ihre Hoffnungen richten sich auf eine Tätigkeit jenseits von prekären Aushilfsjobs. Und sie versprechen sich Anerkennung. Zum Teil haben sie diese schon bekommen – durch erkennbare Fortschritte im Kurs selbst, durch einen gewissen eigenen Stolz auf das Erreichte und mitunter auch dadurch, dass ihre Kinder stolz auf sie sind.
„Modellprojekt“ bedeutet, dass die beiden Maßnahmen nicht – oder noch nicht – zum Regelgeschäft des Jobcenters gehören, sondern über Sonderförderungen unter Beteiligung des Landes Hessen und des Arbeitsmarktprogramms der Stadt Frankfurt bzw. über den „Bildungsgutschein“ finanziert wurden und werden. Die finanzielle Hauptlast hat jeweils das Jobcenter Frankfurt am Main getragen – auch bei den „Aktivcentern“, in denen die berufsintegrierte Sprachförderung bereits erprobt wurde. 350 Teilnehmer/-innen haben bisher schon GFFB-Maßnahmen und Projekte mit Sprachförderung durchlaufen. Für 2018 sind weitere Umschulungen in Teilzeit mit inte-grierter Sprachförderung und sozialpädagogischer Begleitung geplant: zum Kaufmann bzw. zur Kauffrau für Büromanagement und zur Kauffrau bzw. zum Kaufmann für Tourismus und Freizeit. Das Thema steht darüber hinaus im Fokus der GFFB: Barbara Wagner veranstaltet am 10. September 2018 mit der IHK Frankfurt den Internationalen Fachkongress „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung II“. 
Kursteilnehmer von „Handel im Wandel“
Sonja Straka (Mi.) als Fachanleiterin erklärt im Teamteaching mit der ausgebildeten Sprachförderkraft Ruth Horstmann-Barbosa (re.) einer Kursteilnehmerin von „Handel im Wandel“