Vielfalt als Mehrwert verstehen

Durch integrierte Sprachförderung das Fachkräftepotenzial erschließen

Das Thema ist nicht grundsätzlich neu, aber unverändert aktuell, wenn nicht sogar brisant: Mit welchen Strategien und Lösungsansätzen gelingt es, das Arbeits- und Fachkräftepotenzial unter den Migranten und Geflüchteten ebenso wie unter den Arbeitslosen mit Sprachdefiziten zu erschließen?

Fakt ist: Für die erfolgreiche und nachhaltige berufliche Integration kommt es auf ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache an – nicht nur der Umgangs- und Bildungssprache, die in den BAMF-Sprachkursen vermittelt wird und zu einem Zertifikat des erreichten Sprachniveaus führt. Entscheidend ist vielmehr das Beherrschen der beruflichen Fachsprache und der spezifischen Kommunikation in einem Unternehmen.

Fakt ist auch: Im vergangenen Jahr sind in Hessen ca. 65 000 neue sozialversicherungspflichtige Stellen zusätzlich entstanden. Fast 36 000 davon, also mehr als die Hälfte, wurden mit Ausländern besetzt. 57 Prozent der Unternehmen in Hessen sehen den Fachkräftemangel als Risiko für die weitere Geschäftsentwicklung. Diese Zahlen nannte Karen Hoyndorf, Vizepräsidentin der IHK Frankfurt am Main, auf dem II. Kongress „Neue Wege in der beruflichen Sprachförderung“, einer von der GFFB Frankfurt gemeinsam mit der IHK organisierten Veranstaltung mit 340 Teilnehmern aus Politik und Verwaltung, nationalen und internationalen Organisationen, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildungswesen. Hoyndorf forderte: „Die Förderbedingungen müssen sich den Erfordernissen des Arbeitsmarkts anpassen und nicht umgekehrt. Das Potenzial liegt vor allem bei ausländischen Kräften. Also gehört berufsintegrierte Sprachförderung zu den zentralen Instrumenten einer Beschäftigungsförderung.“

Der Hessische Minister für Soziales und Integration, Stefan Grüttner, betonte: „Arbeit befördert Sprache, daher wirkt berufsbezogene Sprachförderung als ein sich selbst beschleunigendes System, das Perspektiven eröffnet, Qualifizierung ermöglicht und berufliche Aufstiegsmobilität in Gang setzen kann. Denn die Bedeutung guter Sprachkenntnisse nimmt heute in allen Berufen zu. Globalisierung, Digitalisierung sowie der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft machen die Fähigkeit zur Kommunikation mehr und mehr zur Kernkompetenz für den beruflichen Erfolg.“ Grüttner konkretisierte: „Berufliche Sprachförderung kann aber nur dann erfolgreich sein, wenn Bildungsträger und Arbeitgeber eng zusammenwirken.“

Barbara Wagner, geschäftsführende Gesellschafterin des veranstaltenden Bildungsträgers GFFB, forderte, „die Vielfalt als Mehrwert“ zu verstehen und betonte die Notwendigkeit einer „integrierten Sprachförderung“, also der Verzahnung der Vermittlung von beruflichen Kompetenzen mit Förderung der Fach- und Bildungssprache im Rahmen von Ausbildungen und Umschulungen. Das Beherrschen der „Bildungssprache“ sei für die Abschlussprüfungen unerlässlich. Zudem fehle es an Sprachförderkräften, die fachsprachliche Inhalte in Verbindung mit der Bildungssprache vermitteln könnten. „Der Vermittlung fach- und bildungssprachlicher Zweitsprachkenntnisse kommt in pluralen Gesellschaften eine wachsende Bedeutung zu.“ Der Wandel von einer Industrie- zur einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft sowie die fortschreitende Digitalisierung erfordere veränderte Strategien auch im Bildungssektor: „Ohne ausreichende Sprachkenntnisse und Medienkompetenz ist eine berufliche Integration kaum möglich.“

Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg (Mi.) auf der Abschlussdiskussion zum Thema „Berufsbezogene Sprachförderung als Beitrag zur Fachkräftegewinnung in pluralen Gesellschaften – Strategien auf europäischer, nationaler und reg

Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg (Mi.) auf der Abschlussdiskussion zum Thema „Berufsbezogene Sprachförderung als Beitrag zur Fachkräftegewinnung in pluralen Gesellschaften – Strategien auf europäischer, nationaler und regionaler Ebene“

Konkret forderte Barbara Wagner: „Die Ausrichtung der Arbeitsmarktförderung in Deutschland setzt einen Schwerpunkt auf schnelle Integrationsmaßnahmen. Der umfassende Aufbau von Qualifikationen war in den letzten Jahren stark rückläufig. Im Zuge des zunehmenden Fachkräftemangels halten wir dies für eine unzureichende Strategie. Wir brauchen mehr Fachkräfte und Menschen, die selbstverantwortlich handeln. Dies geht nur mit Bildung. Und die Teilnahme an Bildung erfordert sprachliche Kompetenzen, die bei einer signifikanten Gruppe nur unzureichend vorhanden sind.“

In sechs Foren diskutierten die Kongressteilnehmer innovative Konzepte, Projekte und Modelle aus dem deutschen und europäischen Raum und erörterten, welche Strategien und Instrumente für eine zukunftsorientierte Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik notwendig sind: Dringend verändert werden müssen die Rahmenbedingungen für die Umschulung Erwachsener. Erforderlich ist ebenfalls die Verlängerung der Ausbildungszeit sowie eine enge Verzahnung mit einer fach- und bildungssprachlichen Sprachförderung. Dies erfordert Innovationen in der Methodik, Überarbeitung des Lehrmaterials sowie eine Anpassung der Arbeitsmarktinstrumente. Neue Methoden der Zusammenarbeit von Sprachlehrkräften und Ausbildungspersonal leisten einen wichtigen Beitrag zur sprachlichen und beruflichen Integration.

FORTBILDUNG ZUR SPRACHFÖRDERKRAFT – EIN ANGEBOT FÜR BETRIEBE

Die praxisorientierte Fortbildung zur Sprachförderkraft richtet sich an Mitarbeiter/-innen, die in der beruflichen Aus- und Weiterbildung, der Qualifizierung in Betrieben, Berufsschulen, Akademien und Organisationen tätig sind und Beschäftigte mit unterschiedlichen Deutschkenntnissen unterstützen wollen. In der modularen Fortbildung werden Methoden und Strategien erarbeitet, um die fachlichen Lernprozesse am Arbeitsplatz sprachförderlich zu gestalten. Das Projekt „Arbeits- und ausbildungsintegrierte Sprachförderung in Hessen“ (AiS) des Ministeriums für Soziales und Integration wird durch den Europäischen Sozialfonds finanzier und von der Fachstelle für berufsintegriertes Sprachlernen (FaberiS) umgesetzt. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an:

FaberiS in der FRAP Agentur gGmbH
Mainzer Landstr. 405, 60326 Frankfurt am Main
E-Mail: info@faberis.de, Internet: www.faberis.de