Migranten: Fachkräftenachwuchs für die Gesundheitsberufe

Ein Projekt der Bildungsprofis gGmbH im Rahmen des Landesprogramms „Sozialwirtschaft integriert“

Hoodo stammt aus Somalia, sie ist 23 Jahre alt und kam vor drei Jahren allein nach Deutschland. Erst mal hat sie zwei Jahre auf eine Entscheidung zu ihrem Asylantrag gewartet. Als dieser genehmigt war, konnte sie am Integrations- und Deutschkurs teilnehmen – mit Erfolg: Sie hat Level B1 erreicht und damit die Basis für ihre berufliche Integration gelegt. Sie weiß genau, dass das noch nicht ausreichen wird. Die Sprachpraxis muss verbessert werden. Dafür sucht sie Kontakt zu Deutschen. Und die Berufs und Fachsprache fehlt weitgehend. Dafür und für die weiteren Schritte nimmt sie am Projekt „Perspektive Gesundheitsberufe“ teil. Ihr Ziel ist die Ausbildung als Krankenschwester für Kinder und alte Menschen. Als Nahziel strebt sie an, den Hauptschulabschluss möglichst im ersten Halbjahr 2019 nachzuholen – ein ehrgeiziges Vorhaben, nachdem sie letztmals im Jahr 2010 in ihrem Heimatland die Schule besuchte.

Bildungsprofis gGmbH

„Perspektive Gesundheitsberufe“ ist ein Projekt des im Jahr 2018 neu gegründeten Frankfurter Trägers „Bildungsprofis“, einer gemeinnützigen GmbH, die von zwei erfahrenen Geschäftsführern geleitet wird. Die Dipl.- Politologin Petra Rahn war viele Jahre in unterschiedlichen Maßnahmen der Benachteiligtenförderung tätig, hat Erfahrung in der Betreuung arbeitsmarktferner Kundinnen und Kunden des Jobcenters und war bei der Integration von Migranten engagiert. Diese Expertise hat sie in die neue Gesellschaft eingebracht und mit dem Erfahrungshintergrund und den Kontakten von Holger Strehlau kombiniert – ein hoch kompetenter und bestens vernetzter Manager der Gesundheitsbranche, der u. a. als Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft aktiv war.
Hoodo (23) kommt aus Somalia und lebt seit drei Jahren in Frankfurt am Main. Die Teilnahme am Projekt „Perspektive Gesundheitsberufe“ ermöglicht ihr das Jobcenter Frankfurt am Main. Hier wird sie von den Bildungsprofis an eine Ausbildung herangeführt. Ein zweiwöchiges Praktikum in der Pflege hat sie schon absolviert, aktuell arbeitet sie an ihren Deutschkenntnissen und will schnell den Hauptschulabschluss nachholen, um 2019 mit der Ausbildung zu beginnen.

„Sozialwirtschaft integriert“

„Perspektive Gesundheitsberufe“ wird vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration im Rahmen der Initiative „Sozialwirtschaft integriert“ vollständig finanziert. Für das Programm stehen Fördermittel in Höhe von 12,9 Mio. Euro zur Verfügung, die sich auf zehn Projekte in unterschiedlichen hessischen Regionen verteilen. „Wir fördern Konzepte, die dazu beitragen, dass Menschen mit Migrationshintergrund, darunter insbesondere auch Geflüchtete, die Chance erhalten, eine Ausbildung im Bereich der Sozialwirtschaft erfolgreich zu absolvieren und anschließend in der Sozialwirtschaft als Fachkraft tätig zu werden“, unterstrich der damalige Arbeitsminister Stefan Grüttner bei der Programmvorstellung und stellte dabei die Bereiche Pflege, Kinderbetreuung sowie die Gesundheitsfachberufe besonders heraus. „Es gibt zu viele Menschen, die wegen fehlender Abschlüsse bisher nicht in diese Berufen arbeiten können, die aber eine hohe Affinität und Motivation für diese Berufe mitbringen.“

Wie „Perspektive Gesundheitsberufe“ in Frankfurt sind die anderen Maßnahmen mit je eigenen Ansätzen darauf ausgerichtet, Menschen mit Asylund Migrationsbiografie an die Ausbildung in einem Gesundheitsberuf heranzuführen. Sie werden von Institutionen und Trägern in Wiesbaden, Darmstadt Stadt/Landkreis, Kassel, Wetterau/Gießen, Werra-Meißner-Kreis und Schwalm-Eder-Kreis umgesetzt. „Sozialwirtschaft integriert“ ist als ein

„Perspektive Gesundheitsberufe“

Die Frankfurter Bildungsprofis erhalten für die dreijährige Projektlaufzeit einen Förderbetrag von 1,5 Mio. Euro. Holger Strehlau nennt die Zielsetzung des Vorhabens: „Es verfolgt das Ziel, neue Wege zu entwickeln, um Geflüchtete und Menschen mit sprachlichem Förderbedarf in die Gesundheitsberufe zu vermitteln. Hierfür werden u. a. Strukturen überprüft und Handlungsempfehlungen entwickelt, die den Zugang für Menschen mit Migrationshintergrund in die Berufe der Gesundheitswirtschaft vereinfachen. Die unterschiedlichen Anforderungen von 49 Gesundheitsberufen in Deutschland machen es möglich, die Teilnehmenden, beruhend auf ihren individuellen Voraussetzungen, zur Aufnahme eines geeigneten Gesundheitsberufes zu motivieren.“

Petra Rahn plant mit etwa einhundert Maßnahmeteilnehmern in den nächstemn drei Jahren. Mehr als zwanzig hat sie bereits gewonnen. Gleich zum Jahresbeginn 2019 startet wegen der regen Nachfrage ein zweiter Kurs und die Gesamtteilnehmerzahl steigt dann auf 41. Sie kommen überwiegend aus dem Betreuungsbereich des Jobcenters Frankfurt bzw. des Jugendjobcenters. Die Teilnehmer wurden von ihren persönlichen Ansprechpartnern im Jobcenter ausgewählt und zu den Bildungsprofis ins neue Coachingcenter an der Gerbermühlstraße eingeladen. „Alle sind gekommen, alle haben ein zweitägiges Assessment-Center besucht und alle wurden in die Maßnahme aufgenommen“, berichtet Petra Rahn über die positive Mitwirkungsbereitschaft. Besonders aufgefallen sind ihr „die gut qualifizierten, fitten und regen Frauen“, die „viel zu wenig wahrgenommen“ würden: „Ein Potenzial, das es zu entdecken gilt.“
Die Voraussetzungen der Teilnehmer sind unterschiedlich – sowohl bei den Herkunftsländern als auch bei den Bildungswegen. Einer von ihnen hat vier Jahre in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet, mehrere verfügen über praktische Erfahrungen als PTA in ihren Heimatländern. Auch ein syrischer

Allgemeinmediziner wird in der Maßnahme gecoacht. Bei ihm geht es um die Anerkennung des Berufsabschlusses, bei anderen um eine Teilanerkennung. „Weil die therapeutischen Berufe nicht deutschen Kriterien entsprechen, kommt es bei der Feststellung der Vorqualifikation auf den Einzelfall an“, so Holger Strehlau. Alle Teilnehmer werden individuell betreut, „wir gehen auf sie ein“, bemerkt Petra Rahn. Auch unterschiedliches Lernverhalten und unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten werden durch moderne Methoden ausgeglichen, z. B. E-Learning bei der Vermittlung von Deutschkenntnissen.
Die Geschäftsführer der Frankfurter „Bildungsprofis gGmbH“, Holger Strehlau und Petra Rahn, bündeln ihre Kompetenzen im Gesundheitsmanagement bzw. in der Benachteiligtenförderung und realisieren so mit ihrem Team das vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration geförderte Projekt „Perspektive Gesundheitsberufe“.

Die Maßnahme der Bildungsprofis ist in vier Phasen aufgebaut: Auf die dreimonatige Start- und Konzeptphase folgen sechs Monate der Abstimmung mit relevanten Institutionen, die Kontaktführung mit Arbeitgebern und Ausbildungsstätten sowie die Pilotphase der Kompetenzvermittlung. Die folgenden 25 Monate dienen der Begleitung von Veränderungsprozessen, der Erprobung der Unterstützungsangebote für Arbeitgeber und Ausbildungsstätten sowie der Ausweitung der Berufsfelder. Am Ende stehen zwei Monate für Ergebnissicherung und Überführung in die Regelförderung.

„Sozialwirtschaft integriert“ hat eine doppelte Zielrichtung: Einmal geht es um die Arbeitsmarktintegration einer beträchtlichen Zahl von geflüchteten Menschen mit guter Bleibeperspektive und die Schaffung nachhaltiger Chancen in zukunftsfähigen Berufen. Sodann und besonders setzt das Programm bei der Situation in den Gesundheits- und Pflegeberufen an: Nach den letztverfügbaren Zahlen des Jahres 2016, so berichtet Holger Strehlau, wurden in Hessen 17.652 Pflegekräfte gesucht, ein gewaltiger Anstieg gegenüber den Vorjahren. Alle Prognosen zielen auf den deutlich steigenden Bedarf. Ohne dass konkrete Zahlen bekannt sind, wird im Gesundheits- und Pflegebereich mit einem Fachkräftemangel gerechnet. Mit dem Programm „Sozialwirtschaft integriert“ versucht die Hessische Landesregierung, die Weichen konkret in Richtung Fachkräftesicherung zu stellen.

Wie das Hessische Ministerium für Soziales und Integration ausführt, will es mit dem Förderangebot „Sozialwirtschaft integriert“ seine auf Nachhaltigkeit sowie stabile Integration aufgerichtet Arbeitsmarktförderung weiter entwickeln und passgenaue Qualifizierungen ermöglichen, die aus den Arbeitslosen von heute die Fachkräfte von morgen machen. Mit diesem Förderangebot wird der Fokus auf die aktuell besondere Herausforderung, Geflüchtete mit guter Bleibeperspektive sowie Migrantinnen und Migranten als Fachkräfte in den Arbeitsmarkt zu integrieren, gelegt. Im Bereich der Sozialwirtschaft sind Fachkräfte ganz besonders gefragt. Denn die Sozialwirtschaft ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Mit über 226.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen in sozialen und gesundheitsbezogenen Einrichtungen ist mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz in Hessen der Sozialwirtschaft zuzuordnen (Stand: 2015). Zudem handelt es sich um einen echten Jobmotor: Das Beschäftigungswachstum in der Sozialwirtschaft ist zwischen 2009 und 2014 dreimal so hoch ausgefallen wie in der Gesamtwirtschaft. Es gibt also einen wachsenden gesellschaftlichen Bedarf – und beste Job-Perspektiven. Es gilt, diese Job-Perspektiven durch passgenaue Qualifizierung und Ausbildung auch für Menschen mit schwierigen Startvoraussetzungen zugänglich zu machen. Ein besonderes Anliegen ist, bei der Fachkräftegewinnung auf die zu schauen, die hier im Land sind, die motiviert sind, die etwas erreichen wollen, aber noch nicht die notwendigen formalen Voraussetzungen mitbringen, um eine Ausbildung in den sozialwirtschaftlichen Berufen aufzunehmen und erfolgreich abzuschließen. Folgerichtig wurden mit dem Förder-Aufruf „Sozialwirtschaft integriert“ um Konzepte gebeten, die Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete mit guter Bleibeperspektive auf unkonventionelle Weise über die Ausbildungsreife zum Ausbildungsabschluss führen. Zur Umsetzung der ausgewählten Konzepte stehen 12,9 Millionen Euro an Landesmitteln zur Verfügung

Der Förder-Aufruf hatte eine erfreulich große Resonanz. Die rund 40 eingereichten Konzepte haben die gesteckten Erwartungen übertroffen. Was beeindruckt hat, ist die hohe Kreativität und Lösungskompetenz der Akteure, die hinter diesen Anträgen stehen. Ihre Kooperationsbereitschaft über Rechts- und Landkreise hinaus. Ihre Bereitschaft, Neues zu wagen und sich ehrgeizige Ziele zu setzen. Die Gemeinsamkeit zu suchen, um regionale Konkurrenz zu überwinden. Die Gemeinsamkeit von Jobcentern, Sozialverwaltung, Pflegeeinrichtungen, Fachschulen, Arztpraxen, Bildungs- und Qualifizierungsträgern sowie von Arbeitgebern und Ausbildungsstätten. Denn nur durch diesen kooperativen Ansatz wird es möglich, die sozialwirtschaftlichen Berufe in ihrer Breite zu adressieren. Das breite Spektrum der sozialwirtschaftlichen Zielberufe – von den Gesundheitsfachberufen bis zur Erzieherin – erhöht die Wahrscheinlichkeit einer passgenauen Platzierung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die deren Fähigkeiten und Talenten entspricht.