Corona und die sozialen Folgen

Wie die Pandemie das Stadtleben und die sozialen Strukturen in Frankfurt am Main verändert Von Stadträtin Prof. Dr. Daniela Birkenfeld, Dezernentin für Soziales, Senioren, Jugend und Recht

Stadträtin Prof. Dr. Daniela Birkenfeld
Stadträtin Prof. Dr. Daniela Birkenfeld
„Trotz der allgemein schwierigen Situation habe ich jedoch auch wahrgenommen, dass sich in dieser Zeit ein starker Zusammenhalt in der Stadt entwickelt hat.“
Frankfurt am Main ist eine Großstadt, die laufend mit Veränderungen konfrontiert wird. Das ist natürlich eine Herausforderung für die Politik und die Stadtgesellschaft: Sie müssen sich ständig auf neue Bedingungen einstellen und mit ihnen umgehen lernen.
Die Flüchtlingskrise 2015/2016 war eine solche Herausforderung. Kurzfristig eine Vielzahl von Geflüchteten aufzunehmen, sie zu versorgen und ihnen Wege aufzuzeigen, sich in die Stadtgesellschaft zu integrieren – all das wirkt bis heute nach. Ich bin überzeugt, dass eine enge Zusammenarbeit mit den sozialen Trägern, das ehrenamtliche Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger und die sozialen Netzwerke dazu beigetragen haben, dass wir die Situation gemeinsam meistern konnten.
Auch die Corona-Pandemie hat zu massiven Veränderungen im Umgang der Menschen miteinander geführt: Wir alle haben verschiedene Eskalationsstufen mit Abstandsregeln, Maskenpflicht und Lock-Downs erlebt. Vieles, was wir früher als normal empfanden – Freizeitaktivitäten, der Gang zum Amt oder Präsenzveranstaltungen –, war plötzlich nicht mehr möglich. In Alten- und Pflegeheimen herrschten Besuchsverbot und Isolation, Kinderund Jugendeinrichtungen mussten teilweise schließen, ebenso Gastronomie und Einzelhandel. Schul- und Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche fanden häufig nur noch digital statt, Sportaktivitäten waren oft nur alleine oder gar nicht mehr möglich. Menschen verloren ihre Arbeit – und plötzlich standen Fragen der Existenzsicherung im Vordergrund.
Arbeitslosigkeit, Existenzängste und Angst vor einer Corona-Infektion begleiteten diese Zeit. Das Jobcenter Frankfurt und auch viele soziale Anlaufstellen mussten ihre Angebote umstellen. Erreichbar waren sie oft nur noch über digitale Wege. Der wichtige persönliche Kontakt war kaum noch möglich.
Trotz der enormen Belastungen aufgrund der Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie haben wir es geschafft, dass wichtige Anlaufstellen für die Bürgerinnen und Bürger weiterhin geöffnet bleiben konnten:

  • Das Standesamt war zu den üblichen Öffnungszeiten zugänglich. Hochzeiten fanden auch weiterhin statt, wenn auch in sehr kleinem Kreis.
  • Die Kinder- und Jugendhilfe war rund um die Uhr erreichbar.
  • Die sieben Jobcenter in Frankfurt waren trotz Kontakteinschränkungen zu keinem Zeitpunkt geschlossen. Sie waren durchgängig telefonisch, elektronisch und im Rahmen von Notfällen auch persönlich erreichbar.
  • Das Jugend- und Sozialamt sowie die vielen sozialen Beratungsstellen haben Notfallpläne erstellt, um für Bürgerinnen und Bürger ansprechbar zu sein.
Eine besondere Herausforderung war es, Menschen einzubinden, die es aufgrund von sprachlichen Defiziten, bildungsfernem Hintergrund oder hohem Alter ohnehin nicht immer leicht haben. Deshalb galt und gilt es, kreative Lösungen zu finden, mit denen wir der sozialen Isolation zumindest punktuell etwas entgegensetzen konnten: Der Zugang und die Antragstellung für öffentliche Leistungen wurde vereinfacht. Ausbildungs- und Qualifizierungsangebote fanden in digitaler Form statt, und die Kinder- und Jugendhäuser in Frankfurt konnten auf meine Initiative hin unter Einhaltung von Hygieneund Abstandsregeln geöffnet bleiben. Seniorinnen und Senioren konnten in sogenannten Balkonkonzerten lauschen.
Trotz der allgemein schwierigen Situation habe ich jedoch auch wahrgenommen, dass sich in dieser Zeit ein starker Zusammenhalt in der Stadt entwickelt hat. Vielerorts haben Nachbarinnen und Nachbarn einander unter die Arme gegriffen, es entstanden Einkaufshilfen für ältere oder sich in Quarantäne befindende Menschen.
Unabhängig davon müssen wir nun sehr genau hinschauen, wo unsere besondere Unterstützung benötigt wird. Ich denke hierbei insbesondere an die jungen Menschen, die während der Corona-Pandemie ihre eigenen Bedürfnisse gänzlich hintenanstellen mussten – zum Wohle ihrer Mitmenschen. Nun, nachdem sie die Schule abgeschlossen haben, stellt sich für sie oft die Frage: Welche Ausbildung, welcher Studiengang oder welches weiterführende Schulangebot ist das richtige für mich? Die Wirtschaft, selbst stark von der Coronakrise gebeutelt, zeigt sich in Sachen Ausbildungsangebote noch sehr verhalten. Hier haben die Beteiligten von Schule, Wirtschaft, Bundesagentur für Arbeit, Jobcenter und Stadt Frankfurt eine besondere Verantwortung. Sie müssen die Jugendlichen der Corona-Abschlussjahrgänge gezielt ansprechen und gemeinsam mit ihnen Ideen für die berufliche Ausrichtung entwickeln. Ich zähle hier insbesondere auf die enge Kooperation der Partner am Arbeitsmarkt und die intensiven Aktivitäten des Jugendjobcenters. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Mitarbeitenden auch in diesen schwierigen Zeiten den Kontakt zu den jungen Menschen herstellen werden.
Auch wenn die vielfältigen sozialen Angebote die Wirkungen von Corona teilweise auffangen konnte, dürfen wir nicht nachlassen, um jeden einzelnen nicht zu vergessen. Es gibt noch viel zu tun.
Der nächste große Schritt wird sein, als Stadtgesellschaft zu einer neuen Normalität zu finden. Dieser Herausforderung werden wir uns gemeinsam stellen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Übergangszeit, in der das Virus noch immer eine große Rolle spielt, sensibel und klug gestalten können – und das soziale Miteinander endlich wieder in den Vordergrund rücken kann.