Ein Bewerber mit zwei Berufsabschlüssen

Fassieh Khairi hat einen neuen Job in der Frankfurter Renault-Niederlassung gefunden – gefördert nach dem Teilhabechancengesetz.
Fassieh Khairi hat einen neuen Job in der Frankfurter Renault-Niederlassung gefunden – gefördert nach dem Teilhabechancengesetz.

Fassieh Khairi (45 Jahre) hat einen Migrationshintergrund – nicht selten ein Vermittlungshemmnis bei der Integration in den deutschen Arbeitsmarkt. Aber 34 Jahre nach der Einreise als Kind aus Afghanistan kann das kein Argument sein, zumal er in Offenbach die Gesamtschule, das Berufsvorbereitungsjahr und die Berufsfachschule absolviert hat und deutscher Staatsbürger wurde. Unzureichende Kenntnisse der deutschen Sprache? Wirklich nicht. Mangelnde berufliche Qualifikation – ein Hauptgrund für Arbeitslosigkeit – trifft auch nicht zu. Fassieh Khairi hat zwei Ausbildungsgänge erfolgreich abgeschlossen: Zum Kfz-Mechaniker wurde er in einer BMW-Niederlassung ausgebildet. Den Ausbildungsabschluss zum Industriekaufmann hat er später im Bildungszentrum Bauer erlangt. Ein HWK- und ein IHK-Beruf sollten eigentlich eine solide Grundlage sein. Dennoch war er mehrere Jahre arbeitslos und erfüllte damit die Fördervoraussetzungen des Teilhabechancengesetzes nach § 16i SGB II. Das bedeutet: Das Jobcenter fördert seine Beschäftigung in vollem Umfang der Lohn- und Lohnnebenkosten (ohne Arbeitslosenversicherung) für die Dauer von zwei Jahren, danach jährlich um 10 % degressiv.

Ohne diese hohe Förderung hätte Fassieh Khairi seinen neuen Arbeitsplatz bei der Renault Retail Group in Fechenheim nicht bekommen. Michael Höhl, After Sales Leiter der Niederlassung Frankfurt – eine von fünf in Deutschland und die erfolgreichste in Europa –, spricht diesen Sachverhalt offen an. Denn nur die volle Förderung hat es ihm ermöglicht, den konzernweiten Einstellungsstopp mit Billigung der Vorgesetzten elegant zu umgehen und vielleicht ein Beispiel zu schaffen, an dem sich die anderen Niederlassungen orientieren können. Ein europaweiter Einstellungsstopp ist in der Strukturkrise der Automobilkrise begründet. Der anhaltende Boom bei den elektrogetriebenen Pkw, die Renault anbietet, betrachtet Michael Höhl aber als ein hoffnungsvolles Zeichen, dass er Fassieh Khairi vielleicht auch nach dem Ende des Förderzeitraums weiter beschäftigen kann. „Eine finanzielle Förderung kann immer hilfreich sein, aber erst in zweiter Linie. Im Vordergrund steht der Bewerber mit seiner Motivation, seiner Teamfähigkeit und seinem Know-how“, meint Michael Höhl.

Fassieh Khairi wurde von Uwe Eschner aus dem Arbeitgeberservice-Team des Jobcenters bei Renault im Rahmen einer Kaltakquise vorgeschlagen. „Zwei Berufsabschlüsse, damit kann ich in der Vermittlung etwas anfangen“, war für Uwe Eschner klar. Auf dieser Qualifikationsbasis und mit seiner ausdrücklichen Mitwirkungsbereitschaft hatte Fassieh Khairi einen Fürsprecher gefunden, der sich für ihn im Bewerbungsprozess einsetzen konnte. Auch das zeigt die Erfahrung: Wenn die Eigenbemühungen nicht zum Ziel führen, braucht es eines Vermittlers und Fürsprechers beim Arbeitgeber, der den Lebens- und Berufsweg des Bewerbers plausibel darstellen kann. Fassieh Khairi hat respektable berufliche Stationen vorzuweisen: Nach dem Zivildienst war der Mechaniker und Testfahrer in der Prototypenerprobung bei der Adam Opel AG, dann mit einem Shuttleservice selbstständig, anschließend Kundendienstfahrer und schließlich Mechaniker in der Automobil-Zulieferindustrie.

Der Einstellung von Fassieh Khairi im Oktober 2020 ging zunächst ein mehrwöchiges betriebliches Praktikum voraus, bei dem der richtige Arbeitsplatz und das passende Aufgabenfeld für ihn ermittelt wurden – „wo er sich am wohlsten fühlt, denn da bringt er die beste Leistung“, wie Aman Ullah, als Teamleiter Service sein unmittelbarer Vorgesetzter, formuliert. Der Empfang war zunächst angedacht, die Endkontrolle vor der Fahrzeugübergabe an den Kunden und die Dialogannahme sind sein aktueller Einsatzbereich. Dabei absolviert er auch längere Diagnosefahrten, mitunter gemeinsam mit Kunden. „Wir sind sehr zufrieden“, urteilt Aman Ullah. „Das A und O ist die Teamfähigkeit. Einfach gesagt, er muss reinpassen.“

Die Renault Retail Group Frankfurt hat ihren Schwerpunkt im Fahrzeugverkauf der Marken Renault, Dacia und Alpine mit einem Jahresvolumen von ca. 10.000 neuen und 2.500 gebrauchten Fahrzeugen. In der Niederlassung sind über einhundert Mitarbeiter beschäftigt, die Hälfte im Vertrieb, die andere Hälfte in Lager und Werkstatt. Die geförderte Beschäftigung betrachtet Michael Höhl als eine Möglichkeit, verloren gegangene und wegrationalisierte Arbeitsplätze wieder zu schaffen. Das Jobcenter Frankfurt und Uwe Eschner vom Arbeitgeberservice sollen dabei wichtige Partner sein. Uwe Eschner wird sofort hellhörig, als die Sprache auf einen Hausmeister kommt, der trotz Einstellungsstopp gebraucht wird …

Teamleiter Aman Ullah, Uwe Eschner vom Arbeitgeberservice, der neue Mitarbeiter Fassieh Khairi und Michael Höhl, After Sales Leiter der Niederlassung Frankfurt (v. l. n. r.)
Teamleiter Aman Ullah, Uwe Eschner vom Arbeitgeberservice, der neue Mitarbeiter Fassieh Khairi und Michael Höhl, After Sales Leiter der Niederlassung Frankfurt (v. l. n. r.)