„In dieser sehr verwirrenden Zeit Sicherheit geben“

Foto: Claudia Czernohorsky-Grüneberg, Jobcenter Frankfurt

Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg nimmt Stellung

War und ist die Bewältigung der Corona-Pandemie die größte Herausforderung seit es das Jobcenter gibt?

Ich fühle mich in derzeitigen Situation an die Jahre 2004 und 2005 erinnert, in denen aufgrund der damaligen Sozialgesetzgebung „Hartz IV“ zum einen große organisationale Herausforderungen bestanden und wir zum anderen im Bereich der Arbeitsmarktförderungen Neuland betraten. Es war eine Pionierarbeit damals. Heute stellen sich die Herausforderungen ebenfalls im organisationalen, personellen und auch im Bereich der Arbeitsmarktförderungen, allerdings auf einem wesentlich komplexeren Niveau. Zu den Herausforderungen gehört zweifelsohne die wirtschaftliche Notlage von Menschen, die ohne Corona nie den Weg in das SGB II gefunden hätten, zum Beispiel die vielen Soloselbstständigen. Die Sicherung der Existenz durch sehr zeitnahe Entscheidungen über insgesamt 10.000 Neuanträge seit März 2020 haben meine Mitarbeitenden sehr gut bewältigt.

Mit großer Spannung erwarte ich die noch nicht absehbaren Veränderungen am Arbeitsmarkt. Ich gehe davon aus, dass sich unsere Kundenstruktur gewandelt hat und wir neue Antworten auf veränderte Fragen der Menschen geben müssen. In telefonischen Gesprächen und terminierten Kundenvorsprachen unter strikter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln wenden wir uns in der Beratung den Kundinnen und Kunden mit ihren Fragen intensiv zu.

Wie auch schon mit den Veränderungen vor 15 Jahren betritt das Jobcenter Frankfurt abermals Neuland, und wir werden die neuen Herausforderungen in Kooperation mit den Kundinnen, Kunden und unseren Netzwerkpartnern bewältigen.

Wie ist es gelungen, eine so große Organisation wie das Jobcenter mit mehr als 900 Mitarbeitenden auf die veränderten Aufgaben einzustellen?

Wie sagte einst Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt: „In der Krise zeigt sich der Charakter eines Menschen.“ Dies durfte ich positiv erfahren. Meine Führungskräfte und ich haben eine sofortige Task Force gebildet, unsere intensive Kommunikation in den Telekonferenzen aufrechterhalten, mit hoher zeitlicher Taktung auf jeden Tag sich neu ergebende „CoronaErkenntnisse“ und Verordnungen reagiert, die Sozialpakete umgesetzt, weitreichende Möglichkeiten für die Mitarbeitenden zu Homeoffice eröffnet, eine engmaschige Kommunikation zwischen Führungskräfte und Mitarbeitenden auch in nicht physischer Präsenz digital aufrechterhalten und die Arbeitsschutzstandards des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) in einem Handlungsleitfaden umgesetzt, um nur einiges zu benennen. Unsere Beschäftigten haben sich der Herausforderungen aktiv angenommen. Wir haben alle zusammengehalten. Mein Motto ist: „Wir tun das Richtige und das tun wir gut!“

Persönlich ist es mir wichtig, in dieser sehr verwirrenden Zeit Sicherheit zu geben. Es ist und bleibt ein Akt der Balance, auf die aktuellen Herausforderungen mit neuen Prozessen zu antworten und doch unsere bewährte professionelle Dienstleistung anzubieten.

Hat sich das System der Grundsicherung bewährt? Konnten und können hilfebedürftige Menschen schnell Leistungen des Jobcenters erhalten?

Eindeutig ja. Die sofortige Einrichtung einer Sonderhotline für Neuanträge hat die Bearbeitung enorm unterstützt und beschleunigt. Die Sonderhotline war mit bis zu 50 Prozent des Personals besetzt, nämlich in der Spitze rund 450 Mitarbeitenden, davon ca. 200 aus anderen Bereichen des Jobcenters. Wir haben die professionsfremden Kolleginnen und Kollegen in Sonderschulungen für die Unterstützung in der Leistungssachbearbeitung digital geschult und vorbereitet. Aufgrund der Tatsache, dass unser Jobcenter ab dem 16.03.2020 keine Termine vor Ort angeboten hat, haben wir die verfügbar gewordene Zeit für eine konzentrierte Antragsbearbeitung nutzen können. Beschleunigt wurde das Verfahren durch den verkürzten Antrag im Rahmen des wegen Corona verabschiedeten Sozialpakets, in dem zum Beispiel die Prüfung des Schonvermögens deutlich reduziert wird. Und es war eine interessante Erfahrung, dass nach der postalischen Antragstellung auch die Onlineantragstellung in den Fokus rückte. Damit erhält die Digitalisierung unserer Angebote und die digitale Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden einen deutlichen Schub.

Bisher war es wichtig und richtig, dass ihre Kundinnen und Kunden bei Präsenzterminen persönlich beraten wurden. Sehen Sie in der telefonischen Betreuung eine Notmaßnahme oder einen Paradigmenwechsel?

Beides. Zum einen war die Telefonberatung eine Notwendigkeit, zum anderen verstärkt sich die Tendenz hin zu den digitalen Medien. Gerade im Hinblick auf die Beratung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben wir immer versucht, uns kreativ aufzustellen und die jungen Menschen durch andere Formen zu erreichen. Diese Herausforderung gab es vor, während und wird es auch nach Corona geben.

Die telefonische Beratung – so haben wir dies erlebt – kann natürlich auch begrenzt sein, nämlich dann, wenn Sprachverständigungsprobleme bestehen. Dazu kommt: Nicht alle unserer 52.000 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten – 6.000 Menschen mehr als im März 2020 – verfügen über digitale Kompetenzen und die entsprechende Hardware. Mit dieser Frage müssen wir uns noch intensiv beschäftigen, denn Arbeitsmarktförderangebote wie Qualifizierungen oder die Vorbereitung auf Abschlussprüfungen finden in der aktuellen Situation in einer Kombination aus Anwesenheit und Online-Kommunikation statt, unter den gebotenen Hygiene- und Abstandsregeln entsprechend der Landesverordnung und für einen Kreis von wenigen Teilnehmenden. Grundsätzlich wäre es daher gut, wenn das Jobcenter künftig die Möglichkeit erhält, Kosten der Kundinnen und Kunden für Onlineanschlüsse und Hardware bezuschussen zu können.

Wie Betriebe und andere öffentliche Einrichtungen haben Sie im Jobcenter in den vergangenen Monaten neue Erfahrungen gewonnen. Wie wollen Sie die Erkenntnisse für die künftige Arbeit nutzen?

Aus Erfahrung lernen! Sicherlich werden wir dies tun, insbesondere bei der Frage der neuen Arbeitsformen, wie Homeoffice oder digitale Beratung

Doch in meinem Verständnis möchte ich einen übertriebenen „Hype“ vermeiden. Denn zum Beispiel muss die Frage des Homeoffice in verschiedene Richtungen betrachtet werden. Ist das, was gut ist für die Mitarbeitenden, auch gut für die Kundinnen und Kunden? Dahinter stehen Fragen wie: Kann ich tatsächlich, ohne einen physischen Kontakt zu haben, die menschliche Interaktion auf Dauer tragfähig gestalten? Wie kann ein onlinebasiertes Matching zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ohne direkten Kontakt erfolgreich gestaltet werden?

Um diesen und anderen Fragen auf die „Spur zu kommen“ und Antworten zu finden, habe ich einer Projektgruppe den Auftrag gegeben, unsere Erfahrungen systematisch zu bewerten und Empfehlungen für den weiteren Umgang mit den Erkenntnissen auszusprechen. Ich bin auf die Ergebnisse der Projektgruppe sehr gespannt!

Wie verändert die Corona-Pandemie nach Ihrer Einschätzung und aus Sicht der Jobcenter die Gesellschaft allgemein und speziell in Frankfurt?

Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, da es keine allgemeingültige Antwort gibt. Es gibt die Erkenntnis, dass wir alle dem Virus ausgesetzt sind und doch hängt es von den hygienischen, medizinischen, sozialen Voraussetzungen ab, wie mit der Situation umgegangen werden kann. Definitiv wird das Virus und die gesamte Situation als Bedrohung empfunden und hat sich auch in unserem Unterbewusstsein „eingenistet“. Darauf Antworten zu finden und zu der existenziellen und wirtschaftlichen Bedrohung auch auf die Frage der emotionalen Belastung einzugehen, wird uns noch lange beschäftigen.

Dass die Benachteiligten in der Gesellschaft, und dies sind auch unsere Kundinnen und Kunden, nun stärker unsere Unterstützung benötigen, liegt auf der Hand. Aktuell schauen wir uns unsere Kundenstruktur genau an: Welche Fragen und Anforderungen kommen auf uns zu? Wie entwickelt sich der Arbeitsmarkt? Welche Unterstützung benötigen die Mitarbeitenden durch digitale oder hybride Qualifizierungen? Wie reagieren die Arbeitgeber? Was können wir für die Ausbildungssuchenden tun? Welche großen Konzerne halten ihr Arbeitsangebot in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet noch aufrecht? Welche neuen Arbeitsplätze werden entstehen, wie können wir dafür qualifizieren und unsere Kundinnen und Kunden gewinnen? Viele Fragen, die bekannt klingen und im Kontext der Pandemie neu bewertet, gedacht und beantwortet werden müssen.

Dennoch bleibe ich dabei: Auf diese Herausforderung wird das SGB II mit seinem im Gesetz verankerten Auftrag und Instrumenten Antworten finden, und ich erinnere daran: Wir sind für viele Bürgerinnen und Bürger in der Stadt das soziale Netz!