Aktivieren – Qualifizieren – Integrieren

Maßnahmen und Projekte, die an den Arbeits- und Ausbildungsmarkt heranführen – Alternative Beschäftigungsmodelle, die Mehrwert schaffen

Fördern & Fordern bildet den Grundgedanken der Reformen für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt („Hartz-Reformen“), prägt das SGB II und bestimmt die aktive Arbeitsmarktpolitik des Jobcenters Frankfurt am Main. Im Sinn der sozialen Aktivierung bietet das Jobcenter die erforderliche Unterstützung und überlässt den Einzelnen nicht sich selbst, verlangt aber auch sein Engagement und seine Teilnahme. Fördern & Fordern bedeutet Rechte und Pflichten für die erwerbsfähigen Kundinnen und Kunden des Jobcenters, zielt auf Hilfe zur Selbsthilfe und verbindet die existenzsichernde Unterstützung und die Mitwirkungspflicht bei der Beseitigung und Verringerung der Hilfebedürftigkeit.

In der weit gefassten Gesetzesdefinition (§ 9 SGB II) gilt als erwerbsfähiger Hilfebedürftiger bzw. Leistungsberechtigter, wer das 15. Lebensjahr vollendet und das 65. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, mindestens drei Stunden täglich arbeiten kann, seinen gewöhnlichen Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland hat und seinen Lebensunterhalt, seine Eingliederung in Arbeit und den Lebensunterhalt der mit ihm in einer Bedarfsgemeinschaft lebenden Personen nicht oder nicht ausreichend aus eigenen Kräften und Mitteln sichern kann und die erforderliche Hilfe nicht von anderen, insbesondere von Angehörigen oder von Trägern anderer Sozialleistungen erhält.

Gefordert ist die eigene Integrationsleistung des Arbeitslosen. Er wird jedoch durch ein vielfältiges Förderangebot des Jobcenters unterstützt, das ihn in die Lage versetzen soll, seinen Lebensunterhalt unabhängig von der Grundsicherung des Jobcenters zu bestreiten. Dabei ist er verpflichtet, alle Möglichkeiten zur Beendigung oder Verringerung seiner Hilfebedürftigkeit auszuschöpfen und an allen Maßnahmen zur Eingliederung in Arbeit mitzuwirken.

Die Kundinnen und Kunden des Jobcenters („erwerbsfähige Leistungsberechtigte“) haben grundsätzlich den gleichen Zugang zu den Förderinstrumenten wie die Arbeitslosen, die die Agentur für Arbeit betreut. Hinzu kommen im Bedarfsfall Schuldner- und Suchtberatung und psychosoziale Betreuung. Mit spezifischen Beratungs-, Betreuungs- und Unterstützungsangeboten versucht das Jobcenter, individuelle Lösungen bei der Beseitigung und Verringerung von „Vermittlungshemmnissen“ zu schaffen, also die Stolpersteine auf dem Weg in Arbeit zu erkennen und zu überwinden. Bei der Vermittlung in Arbeit und bei der Heranführung an den Arbeits- und Ausbildungsmarkt arbeitet das Jobcenter mit freien Bildungs- und Beschäftigungsträgern zusammen. Im Auftrag des Jobcenters setzen diese durch klassische Maßnahmen und innovative Projekte das Prinzip von Fördern & Fordern operativ um. Wir stellen Beispiele aus dem breiten Spektrum vor.
Mehrwert für die Stadtgesellschaft

Die Gesellschaft für betriebliche Integration (BIWAG) zählt zwar nicht zu den großen und personell breit aufgestellten Frankfurter Beschäftigungs- und Bildungsträgern, ist aber für das Jobcenter Frankfurt dennoch ein wichtiger Partner. Die von Franz Frey geführte BIWAG schafft durch ihre Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte Verbindungen zu drei Einrichtungen, denen ein hoher Stellenwert in der Stadtgesellschaft zukommt: die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) als Träger des öffentlichen Personennahverkehrs, der Palmengarten und die ABG Frankfurt Holding GmbH, die größte Wohnbaugesellschaft der Stadt mit einem Bestand von über 50.000 Wohnungen. Ob Besucherservice im Palmengarten, der stadtweite Fahrgast-Begleitservice oder die Siedlungshelfer im Gallus – es sind jeweils Menschen aus dem Betreuungsbereich des Jobcenters, die durch eine gemeinwohlorientierte Beschäftigung ihre Langzeitarbeitslosigkeit beendet haben.

Gemeinwohlorientierte Projekte


Der Besucherservice im Palmengarten ist die jüngste der drei Maßnahmen. Seit Jahresbeginn 2014 ist ein siebenköpfiges Team auf den Freiflächen, im Palmenhaus und in den thematischen Gärten präsent. Die Ansprechpartner für Besucher helfen bei der Orientierung, geben Tipps und wirken Ordnung schaffend. Der Fahrgast-Begleitservice ist seit April 2010 eine Dienstleistung der VGF zur Unterstützung von ÖPNV-Nutzern bei Arzt- und Behördenbesuchen. Die Siedlungshelfer werden seit Ende 2007 von der ABG eingesetzt, um die Mieter der Wohnanlagen mit einem kleinen Service im Alltag zu unterstützen. Einschließlich der Teilnehmer, die nach kurzer Zeit abgebrochen haben, waren bisher rund 240 Siedlungshelfer im Einsatz, mehr als 30 Prozent von ihnen haben mittlerweile eine Dauerbeschäftigung übernommen. Von den 44 Projektteilnehmern im Fahrgast-Begleitservice hat die VGF bisher 12 übernommen. Die neue Maßnahme im Palmengarten wird Integrationserfolge erst zu einem späteren Zeitpunkt zeigen.

„Durch ihren Einsatz als Siedlungshelfer, im Fahrgast-Begleitservice oder beim Besucherservice des Palmengartens bekommen Arbeitslose die Chance auf Teilhabe an der Arbeitswelt und damit an der Gesellschaft“, erläutert BIWAG-Geschäftsführer Franz Frey. „Deshalb betrachte ich sie als die eigentlichen Gewinner der Projekte.“ Er vermutet, dass wohl kaum einer der Teilnehmer bei einem regulären Bewerbungsverfahren die Chance auf einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz bekommen hätte. Mehr noch: Diese Beschäftigungsmöglichkeiten wurden zusätzlich neu geschaffen, ohne die Initiative von Franz Frey hätte es sie wohl nicht gegeben. Gewinner sind deshalb nach Einschätzung des BIWAG-Geschäftsführers auch die Bürgerinnen und Bürger, denen der zusätzliche Service zugutekommt und der die Lebensqualität der Stadtgesellschaft verbessert.

Geförderte Beschäftigung

Einen Mehrwert erzielen aber auch die drei Kooperationspartner, die ihr Leistungsangebot um wichtige, in den früheren Budgetansätzen und Organisationsstrukturen nicht enthaltene Dienstleistungen ergänzen konnten. Als Kooperationsmodelle mit dem Jobcenter Frankfurt bzw. mit dem Sozialdezernat in der Kofinanzierung über das Frankfurter Arbeitsmarktprogramm sind diese Serviceleistungen aber auch wirtschaftlich darstellbar. „Im Wesentlichen geht es um die Umschichtung vorhandener Mittel und den Einsatz relativ überschaubarer zusätzlicher Gelder, um diesen Mehrwert zu schaffen“, betont Franz Frey.

Nach seiner Überzeugung ist ein dauerhaft geförderter zweiter oder dritter Arbeitsmarkt erforderlich, um Menschen in Beschäftigung zu bringen, die zwar arbeitswillig sind, sich aufgrund ihres Lebenswegs oder ihres Alters für eine Umschulung aber kaum eignen. Die Förderung kompensiert, was Arbeitgeber nicht zu zahlen bereit sind.
foto
Franz Frey wurde 1989 in die Stadtverordnetenversammlung Frankfurt gewählt und führte seit 1997 als Vorsitzender die SPD-Fraktion. Von 2000 bis März 2007 war er Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Frankfurt und von 2001 bis 2006 Dezernent für Jugend und Soziales im Magistrat der Stadt Frankfurt. Nach seinem Ausscheiden aus der Kommunalpolitik übernahm er die Geschäftsführung der BIWAG.
Hartz IV

Sein Fazit: „Der Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit braucht einen langen Atem, den sinnvollen Einsatz von Fördermitteln, zielgerichtete Gestaltungsmöglichkeiten auf Seiten des Jobcenters und eine umfassende Mitwirkungsbereitschaft der Unternehmen und Organisationen – eigentlich der ganzen Gesellschaft.“

Franz Frey hat eine besondere Sichtweise auf die Entwicklung der Arbeitsmarktreformen: Bei Gründung des Jobcenters vertrat er als Sozialdezernent die Stadt Frankfurt als Träger der gemeinsamen Einrichtung. Die damaligen Arbeitsmarktreformen betrachtet er als „einen notwendigen Schritt in die richtige Richtung“, aber auch als „eine große Operation“, wie er betont. Er erinnert sich an die schwierigen Rahmenbedingungen der Anfangsjahre des Jobcenters und findet Anerkennung für das hohe Engagement der Beschäftigten, beklagt aber auch die Einschränkungen der aktiven Arbeitsmarktpolitik durch die Mittelkürzungen des Bundes in den vergangenen Jahren. Es sei schwierig, von „Hartz IV“ in Frankfurt zu leben. Deshalb hält Franz Frey das System bundeseinheitlicher Bedarfssätze für überprüfungsbedürftig.

Von, für und mit Frauen

Das Zentrum für Frauen – eine Einrichtung der Diakonie Frankfurt – bietet Frauen in schwierigen Lebenslagen oder in Not- und Krisensituationen Unterstützung, Beratung und erforderlichenfalls auch eine Unterkunft. Das Zentrum am Alfred-Brehm-Platz ist jährlich Anlaufstelle für über 1.900 Frauen, die seine Hilfe-, Beratungs- und Bildungsangebote in Anspruch nehmen. Dazu gehören neben der stationären Betreuung u. a. die psychosoziale Beratung, Existenzsicherung, Beratung bei Verschuldung, Schwangeren- und Schwangerschafts-Konfliktberatung, Onlineberatung, Tagestreff mit integriertem Bildungsprogramm, Qualifizierung im Nähen und Verkauf, Coaching und Qualifizierung bei Erziehungsfragen sowie Entwicklung von beruflichen Perspektiven.

„Viele der ratsuchenden Frauen sind von Leistungen des Jobcenters abhängig. Für sie ist der berufliche Einstieg oder die Wiedereingliederung in das Arbeitsleben ein zentrales Thema“, berichtet Karin Kühn, Arbeitsbereichsleiterin und zuständig für das Zentrum für Frauen. Zwei Projekte realisiert das Zentrum für Frauen im Auftrag des Jobcenters Frankfurt und mit Unterstützung des Jugend- und Sozialamtes der Stadt Frankfurt. „Stark mit Kind“ und die „ModeKreativWerkstatt“ zielen auf die Wiedereingliederung in das Berufsleben und die Heranführung an den Arbeits- und Ausbildungsmarkt.

Stark mit Kind

Das 2010 gestartete, von Kersten Eiting und Anna Leona Gerhardt geleitete Projekt „Stark mit Kind“ ist ein ganzheitliches, niedrigschwelliges Bildungskonzept zur Unterstützung allein erziehender und allein stehender schwangerer Frauen mit besonderen Schwierigkeiten. Durchschnittlich 15 bis 20 Frauen mit Kindern im Alter von einem bis drei Jahren nehmen an der neun Monate oder länger dauernden Maßnahme ausnahmslos freiwillig teil. Sie repräsentieren ein großes Spektrum, sowohl beim Lebensalter, das sich beim aktuellen Kurs in der Spannbreite von 18 bis 42 Jahren bewegt, als auch bei den Bildungsvoraussetzungen und der Herkunft.

„Stark mit Kind“ ist so multikulturell wie die Stadt Frankfurt: Die 19 Teilnehmerinnen des Jahres 2013 kamen aus 11 Nationen. Gemeinsam erlernen sie in der Gruppe interkulturelle Kompetenz und erleben einen persönlichen Integrationsprozess. Nicht weniger vielfältig sind ihre Bildungsvoraussetzungen. Zum Teil haben die Frauen keinen Hauptschulabschluss oder keine abgeschlossene Berufsausbildung, andere bemühen sich um die Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Abschlüsse, aber es gibt auch Teilnehmerinnen mit Abitur und Hochschulstudium. Den Status „Alleinerziehend“ allerdings und ihre Abhängigkeit von Leistungen des Jobcenters haben sie gemeinsam. Sie leben fast alle in stark belasteten Lebenssituationen: Finanzielle Schwierigkeiten, die alleinige Verantwortung für Kinder, eigene traumatische Erfahrungen sowie eine mangelnde soziale Vernetzung belasten sie und blockieren häufig den Aufbau eines strukturierten Alltags. Unter diesem Druck bleibt für berufliche Zukunftspläne oftmals kein Raum.
foto
„Stark mit Kind“ ist ein Projekt des Zentrums für Frauen zur Förderung Alleinerziehender
„Stark mit Kind“ setzt an dieser Situation an und schafft wieder Freiräume für die Teilnehmerinnen. Die Kinderbetreuung wird vor Ort oder in anderen Einrichtungen sichergestellt. So können die Frauen an drei Vormittagen in der Woche verschiedene Angebote wahrnehmen, z. B. beratende Gespräche, Bildungsangebote zur Entwicklung neuer Kompetenzen sowie der Austausch mit anderen Frauen. Die intensive Einzelfallbetreuung in Verbindung mit Gruppenarbeit zielt auf die Entwicklung von realisierbaren beruflichen Zielen, die den Stärken, Interessen und Möglichkeiten der Teilnehmerinnen entsprechen. Individuelle Fördermaßnahmen sollen an den Arbeitsmarkt heranführen – ein Ziel, das bisher in vielen Fällen erreicht wurde.

Viele Teilnehmerinnen konnten in anschließende Maßnahmen zur beruflichen Orientierung und Ausbildung vermittelt werden und beginnen nach dem Ende des Projektes Kurse zur Berufs- bzw. Ausbildungsvorbereitung, z. B. in der Altenpflege. Andere beteiligen sich an Sprachkursen, starten ein Studium bzw. eine Ausbildung oder betätigen sich nach der erfolgreichen Anerkennung ihrer ausländischen Studienabschlüsse. Claudia Bock, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA) des Jobcenters, ist von den guten Ergebnissen des Projektes beeindruckt, vor allem aber vom persönlichen Potenzial vieler Teilnehmerinnen. Teilzeitausbildung hält sie für eine Möglichkeit, mit der Unternehmen die Potenziale der allein erziehenden Frauen nutzen können.

ModeKreativWerkstatt

Das Zentrum für Frauen unterstützt mit einem zweiten, mittlerweile seit sechs Jahren laufenden erfolgreichen Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekt langzeitarbeitslose Frauen – Geringqualifizierte, Alleinerziehende, Migrantinnen, über 50-Jährige. Durch ihre Tätigkeit in der ModeKreativ- Werkstatt in der Rohrbacher Straße werden sie persönlich stabilisiert und gefördert, um Vermittlungshemmnisse für den allgemeinen Arbeitsmarkt abzubauen. Das Jobcenter, das Jugend- und Sozialamt und der Europäische Sozialfonds (ESF) sind Kooperationspartner in diesem Projekt, das 20 Frauen im Verkauf, in der Logistik und in der Schneiderei qualifiziert und für 20 bis 25 Wochenstunden beschäftigt. Eine Second-Hand-Boutique mit Kleidung für Frauen ist an die ModeKreativWerkstatt angeschlossen.

Die Nähwerkstatt und die Boutique bauen in ihren Tätigkeitsfelder sinnvoll aufeinander auf. In der Boutique werden gut erhaltene, zeitgemäße Kleiderspenden – Damen und Kinderbekleidung – zu sehr geringen Preisen an Kundinnen mit Frankfurtpass verkauft. Wenn etwas nicht passt, wird das Kleidungsstück kostenfrei in der Nähwerkstatt geändert. Hier entstehen auch kreative, kleine Accessoires wie Kosmetiktaschen, Schlüsselanhänger und Textilschmuck. In der ModeKreativWerkstatt werden Kompetenzen für den Berufsalltag erworben und erprobt. Die Boutique ist als ein Kommunikationsort konzipiert, mit dem sich das Projekt zum Stadtteil hin zu öffnet und der gleichzeitig der Begegnung, der Vernetzung und gegenseitigen Unterstützung von Frauen dient.

Da die Vermittlung von manchen Frauen in den allgemeinen Arbeitsmarkt nach der Qualifizierung mitunter schwierig ist, schuf die Diakonie auch Arbeitsplätze im Projekt „Brot & Rosen“. Dort nehmen Frauen, die schneidern können, Auftragsarbeiten an und nähen Produkte, unter anderem Hausschuhe und Kissen unter dem Markennamen RiRaRot. Die Produktlinie entwarf die Frankfurter Innenarchitektin Susanne Leson.

Innovative Projekte für Langzeitarbeitslose

Die von Barbara Wagner und Monika Brechtel geführte GFFB versteht sich als Sozialunternehmen, Qualifizierungsgesellschaft und Anbieter von Arbeitsmarktdienstleistungen. In dieser Spannbreite bewegen sich die Aktivitäten dieser gemeinnützigen Einrichtung, die in den vergangenen Jahren eine Reihe innovativer Projekte und Maßnahmen als wichtiger Partner für das Jobcenters Frankfurt entwickelt und umgesetzt hat.

GFFB steht für „gemeinnützige Frankfurter Frauenbeschäftigungsgesellschaft“. Unter diesem Namen wurde die GFFB im Jahr 1994 von fünf Organisationen gegründet, die von Frauen geführt wurden – vom Verein zur beruflichen Förderung von Frauen, berami e. V. (damals „Berufsbildung für Frauen in der Migration“, jetzt „Berufliche Integration“), dem FrauenSoftwarehaus, den Frauenbetrieben und dem Zentrum für Weiterbildung (ZFW). Die fünf Gründergesellschaften sind inzwischen nicht mehr Gesellschafterinnen der GFFB. Das ZFW, das Monika Brechtel, Barbara Wagner und andere bereits im Jahr 1986 gegründet hatten, wird gegenwärtig als GFFB-Schwesterunternehmen geführt und betreibt Standorte in Frankfurt, Darmstadt, Dieburg, Rüsselsheim und Langen. Die GFFB ist ausschließlich in Frankfurt engagiert. Sie beschäftigt rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter Pädagogen, Sozialpädagogen und Fachanleiter.
foto
ModeKreativWerkstatt – Nähwerkstatt und Second-Hand-Boutique unter einem Dach
foto
Dipl.-Sozialarbeiterin Kersten Eiting, Dipl.-Pädagogin Anna Leona Gerhadt, Claudia Bock (BCA) vom Jobcenter Frankfurt und Karin Kühn, Arbeitsbereichsleiterin Verbund Diakonischer Dienste der Diakonie Frankfurt (v.l.n.r.)
Begleitung in beruflichen Veränderungsprozessen

In den Anfangsjahren ging es darum, „qualifizierende Arbeitsmarktprojekte anzubieten, die sich an der Lebenssituation von Frauen ausrichten“. Das Kerngeschäft hat sich nicht wesentlich geändert, aber die Ziele wurde inzwischen weiter gefasst, wie Barbara Wagner erläutert: „Seit der Jahrtausendwende haben wir uns auch strategisch entschieden, Männer und Frauen mit unseren Angeboten anzusprechen, da die Frage der Vereinbarkeit keine Frage ist, die Frauen alleine betrifft.“ Die GFFB begleitet Menschen in berufl ichen Veränderungsprozessen und realisiert Arbeitsmarktprojekte, die auf die Verbesserung der (sozialen) Infrastruktur insbesondere für Menschen zielen, die von Ausgrenzung bedroht und betroffen sind. Das Spektrum der vielfältigen Herausforderungen reicht von prekären Arbeitsverhältnissen über fehlende Betreuungs- und Infrastrukturangebote, gesundheitliche Einschränkungen und eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten aus fi nanziellen oder sprachlichen Gründen bis hin zu ungesicherten Wohnverhältnissen oder extrem belastenden Arbeitssituationen.

Ein „qualifizierendes Arbeitsmarktprojekt“ realisiert die GFFB bereits seit zehn Jahren für Arbeitslose aus dem Betreuungsbereich des Jobcenters, den Welcome-Service. Bis zu 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiten in diesem Projekt, sie begrüßen in den Ankunftsbereichen des Frankfurter Flughafens internationale Besucher/-innen im Namen der Stadt Frankfurt und unterstützen sie mit Informationen und Tipps. Seit 2014 wird dieser Service auch auf der Messe Frankfurt angeboten. Die Maßnahme mit bisher mehr als 400 Absolventen dient auch zur Vorbereitung auf eine Tätigkeit im Service mit internationalem Publikum. „Eines unserer besten und erfolgreichsten Projekte“, stellt Barbara Wagner fest.

Ähnlich der Einkaufservice, eine „Arbeitsgelegenheit“ (AGH) mit aktuell 40 Teilnehmern, die älteren Menschen behilflich sind. Auch diese Maßnahme haben sehr viele Arbeitslose durchlaufen und dabei in einer vielfach als sinnstiftend verstandenen Arbeit mit älteren Menschen ihre kommunikativen Fähigkeiten, ihre Zuverlässigkeit und andere Soft Skills gefestigt. Die GFFB engagiert sich auch in der Stadtteil- und Kulturarbeit. AGH-Teilnehmer, insbesondere Akademiker, unterstützen dabei andere Einrichtungen. Geplant ist jetzt eine Webseite als Kommunikationsforum.

Nach längerer Vorbereitung ist für 2015 der Start des „Soziallotsen“ – eine Internetdatenbank, in der interessierte Bürger ebenso wie Beratende in öffentlichen Einrichtungen sowie städtischen Ämtern auf schnellem Weg die unterschiedlichsten Anbieter von sozialen Dienstleistungen in der Stadt finden können. Der „Soziallotse“ will insbesondere Alleinerziehende, Kinder und Jugendliche sowie erwerbslose Menschen bei der Suche nach geeigneten Angeboten unterstützen und ist damit eine Ergänzung zum Internetportal der „Seniorenagentur“, die die GFFB für die Zielgruppe der Älteren sowie für Familienangehörige und Unternehmen anbietet. Familien mit Frankfurtpass haben die Möglichkeit, regelmäßig im Sozialmarkt in der Mainzer Landstraße bzw. an einzelnen Terminen während des Jahres an unterschiedlichenStandorten in der Stadt Kinderspielsachen und -kleidung zu sehr günstigen Preises einzukaufen. Wenn die reguläre Kinderbetreuung ausfällt, können alle Frankfurter Eltern das Spontan-Kinderbetreuungs-Angebot „Elbi-Strolche“ im Mehrgenerationenhaus im Gallus nutzen.
foto
















Barbara Wagner,
Geschäftsführende Gesellschafterin der GFFB
Qualifizierende Beschäftigung

In diesen Arbeitsmarktprojekten fördert die GFFB erwerbslose Menschen im Rahmen einer qualifizierenden Beschäftigung, „um ihnen eine Teilhabe an der Stadtgesellschaft zu ermöglichen“, wie Barbara Wagner formuliert. Die Projekte werden im Auftrag des Jobcenters Frankfurt oder auf der Grundlage des Frankfurter Arbeitsmarktprogramms des Jugend- und Sozialamtes der Stadt durchgeführt. Dabei werden erwerbslose Menschen in eigenen Betriebsstätten für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt qualifiziert – z. B. auch die Teilnehmer am „Aktivcenter“, ein Angebot für Menschen, die schon längere Zeit vergeblich einen berufl ichen Wiedereinstieg suchen. Sie können in den Eigenbetrieben in den Berufsfeldern Büro und Verwaltung, Handel und Vertrieb, Hauswirtschaft, Holzwerkstatt, Kinderbetreuung, Lagerhaltung und Logistik, Medienwerkstatt, Metall- und Fahrradwerkstatt sowie Nähwerkstatt eingesetzt werden und lernen in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten zwei oder drei Arbeitsbereiche kennen.

Die GFFB ist seit Beginn ein Umsetzungspartner beim Frankfurter Weg zum Berufsabschluss. In den Eigenbetrieben werden derzeit fünf Ausbildungsberufe angeboten, die mit einer Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer abgeschlossen werden, nämlich Kaufl eute für Büromanagement, Tourismus und Freizeit sowie Dialogmarketing, Mediengestalter/-innen Print und Digital und Hauswirtschafter/-innen. Mit individuellen Coachings hat die GFFB ein weiteres Angebot für Jobcenter-Kundinnen und -Kunden geschaffen.

Aus zehn Jahren intensiver und kontinuierlicher Zusammenarbeit zieht Barbara Wagner das Fazit: „Es ist gut, dass es das Jobcenter gibt – kompetent geführt, für Innovationen aufgeschlossen, mit viel Engagement auf allen Ebenen. Das städtische Frankfurter Arbeitsmarktprogramm eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, die über die Arbeitsmarktförderung des Bundes nicht abgedeckt werden können.“
Zu dem Bild links:

Kinderkleidung und Spielsachen im Sozialmarkt, einem Eigenbetrieb der GFFB in der Mainzer Landstraße

Zu dem Bild mittig:

Seit zehn Jahren erfolgreich: der GFFB-Welcome-Service am Flughafen Frankfurt, seit 2014 auch an der Messe

Zu dem Bild rechts:

Erst an der Neuen Börse, jetzt beim Frankfurter Verband in der Friesengasse: die Fitness Lounge des ZFW, dem Schwesterunternehmen der GFFB – ein Ausbildungsangebot für Jugendliche und junge Erwachsene.

Das Bohren dicker Bretter

Conrad Skerutsch, langjähriger Chef der Werkstatt Frankfurt, über alte und neue Herausforderungen

Die Einrichtung der Jobcenter war eigentlich eine Mission impossible. Bundestag und Bundesrat stimmten dem Gesetz  urz vor dem Jahreswechsel 2003/2004 zu. Bis zuletzt wurde über die Grundlagen gestritten. In nur einem Jahr sollten  wei komplett unterschiedliche Behörden von unterschiedlichen staatlichen Ebenen eine gemeinsame Struktur aufbauen. Noch Mitte 2004 lagen wichtige Grundentscheidungen zur Ausstattung und Organisation nicht vor.

Wie überall wurde auch in Frankfurt mit großem Engagement dieser Aufbau betrieben. Sehr früh entschied sich die Kommunalpolitik, nicht zu optieren, also das Jobcenter etwa alleine zu führen. Vielmehr setzte man auf die
Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit. Wegweisend fand ich damals die Entscheidung, das Jobcenter als eine GmbH zu gründen. Dies signalisierte den starken Willen beider Partner, wirklich eine gemeinsame Behörde „aus einem Guss“ zu schaffen.

Wir Träger verstanden uns als Teil des Aufbruchs, konnten Konzepte und Vorschläge realisieren und viele Innovationen entwickeln. 2005 entstand der Frankfurter Weg zum Berufsabschluss, den wir in enger Abstimmung
mit der Jobcenter-Leitung konzipierten. Es entstand eine Frankfurter Spezialität, die uns allen viel Reputation einbrachte.

Die Zeit der Entwicklung neuer methodischer und didaktischer Ansätze, der kreativen Projekte endete jäh, als im April 2008 der § 16 Abs. 2 SGB II abgeschafft wurde. Auf dieser Basis konnten die Jobcenter und die Träger Maßnahmen entwickeln, die nicht dem starren Regelwerk des SGB III folgten. Die Abschaffung war eine fatale Entscheidung. Heute stimmt ein Großteil der Fachwelt darin überein, dass es für Langzeitarbeitslose ein eigenes Fördergesetz braucht, dass die Strukturen des SGB III nicht passend sind. Nach der Abschaffung des § 16 Abs. 2 wurden die Jobcenter immer mehr damit befasst, Regeln des SGB III zu überwachen, Ausschreibungen zu organisieren, komplizierte Konstruktionen zu finden, um sinnvolle Maßnahmen dennoch weiter zu führen.

Diese Entwicklung ging seit 2010 einher mit einer brachialen Kürzung der Eingliederungsmittel. Diese haben sich seither halbiert. Die gleiche Anzahl von Jobcenter-Mitarbeitenden kann nun nur noch die Hälfte des Maßnahmevolumens anbieten. Und diese verbliebenen Maßnahmen sind bürokratisch stark determiniert. Jede zusätzliche Regelung muss überwacht und sanktioniert werden. Aus meiner Sicht ist hier „Hartz IV“ gegen die Wand gefahren. Auch zum Leidwesen der engagierten Jobcenter. Für die Maßnahmeträger bedeutete diese Entwicklung die Eliminierung von Unternehmen, den dramatischen Abbruch von Förderstrukturen, Kompetenz und Ressourcen.

Die großen Herausforderungen der Anfangszeit, der Mission Impossible, wurden gut gemeistert. Mit großem Engagement der Mitarbeiter/-innen des Jobcenters konnten die Schwierigkeiten überwunden werden. Die letztendlich negative Gesamtentwicklung des SGB II haben nicht die Jobcenter zu verantworten, sondern der Gesetzgeber.

Wir haben heute eine sehr statische Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit. Es ist durch „Hartz IV“ zwar gelungen, den Nachwuchs in Langzeitarbeitslosigkeit zu unterbinden. Wer heute arbeitslos wird, hat sehr gute Chancen, nicht in
den Bezug von ALG II zu kommen. Vorher wird man vermittelt, bzw. sucht sich selbst einen Job. Dies ist dem Druck zuzuschreiben, der Drohkulisse, die „Hartz IV“ darstellt. Da will keiner rein und man ist eher dazu bereit, auch schlechter bezahlte Arbeit anzunehmen. Dies betrachte ich ohne Einschränkung als einen positiven Effekt.

Die Zahl der Langzeit-Leistungsbezieher aber steigt ständig. Immer mehr Menschen bleiben immer länger im System. Wir müssen heute ehrlich zugeben, dass das 2004 aus dem Boden gestampfte, vielfach zusätzlich belastete System nur noch wenig Wirkung entfaltet. Vergleicht man die anspruchsvollen Ziele aus der Zeit der Gesetzgebung und des Aufbaus mit der heutigen Wirklichkeit, so kann man als engagierter Akteur nur sehr traurig werden.

Wenn man sich die erfolgreichen Ansätze der letzten zehn Jahre anschaut, so bestätigt sich, dass wir wieder zu unbürokratischen Strukturen und zu größeren Freiheiten bei der Maßnahmeentwicklung kommen müssen. Mehr Geld ist wichtig, aber noch viel wichtiger ist eine Rückkehr zu Verfahren, bei denen man den Bedarf anschaut und dafür passende Lösungen entwickelt und nicht die Kontrolle in den Mittelpunkt stellt.

Das SGB II braucht ein eigenes, spezifisches Regelkonzept für Fördermaßnahmen. Die SGB-III-Logik ist für die Integration von Langzeitarbeitslosen kontraproduktiv. Als die Autoren des SGB II 2003 ihr Konzept für das neue Leistungsgesetz vorstellten, wollten sie ausdrücklich nicht die komplizierten Regelverfahren des SGB III, weil diese für angepasste, individuelle Hilfen für Langzeitarbeitslose nicht geeignet sind. Dieser Gedanke ist heute nach wie vor richtig. Würde man wieder eine Rechtsgrundlage einführen, die dem abgeschafften § 16 Abs. 2 SGB II entspricht, könnten die Jobcenter wieder vor Ort die Maßnahmen anfordern, die genau den lokalen und individuellen Bedürfnissen entsprechen. Aus meiner Sicht gibt es für das gegenwärtige Vergabe-Regime für Fördermaßnahmen keine zutreffenden Rechtfertigungen. Fördermaßnahmen für Langzeitarbeitslose könnten statt dessen wieder auf der Basis von Zuwendungen vergeben werden. Dies ist mit dem europäischen Beihilferecht in vollem Umfang vereinbar.

Die Integration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt bedeutet heute, nach zehn Jahren, noch viel mehr das Bohren dicker Bretter. Für Menschen, die seit mehr als fünf Jahren nicht mehr in einer regulären, normalen Arbeitssituation waren, müssen längerfristige Prozesse in Gang gesetzt werden. Es geht um den Aufbau von Selbstvertrauen und die Vermittlung von realen Arbeitserfahrungen. Aus 30 Jahren Arbeit mit Langzeitarbeitslosen gibt es wenige, dafür aber sehr valide Rezepte:
  • Vermittlung von realer Arbeitsmarkterfahrung – Arbeiten mit echten Aufträgen, echten Kunden und echten Problemen. Nur so kann man wachsen und Kompetenzen (wieder) erwerben.
  • Qualifizierung mit werthaltigen Zertifikaten. Für sog. Geringqualifizierte wird der Arbeitsmarkt immer schwieriger und schränkt sich immer mehr ein. Daher sind Wege, die zu einem Berufsabschluss führen, so wichtig und so nachhaltig. Und wir wissen, dass auch 50-Jährige noch einen Berufsabschluss erreichen können. Qualifizierung ohne Vorbehalte, ohne Vorurteile!
  • Zutrauen in die Entwicklungsfähigkeit. Was die einzelnen Menschen noch erreichen können, welche Motivation sie noch aufbringen können, kann man nicht aus ihrer Biographie feststellen. Man muss es immer wieder ausprobieren und wird erstaunliche Entwicklungen erleben.

Conrad Skerutsch hat 14 Jahre die stadtnahe Einrichtung Werkstatt Frankfurt e. V. geleitet, über deren Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Frankfurt und die Neuausrichtung wir in diesem Magazin berichtet haben (Ausgabe 3/2014). Zum Jahresbeginn 2015 wurde Conrad Skerutsch zum Geschäftsführer der FRAP-Agentur
– gemeinnützige Gesellschaft für das Frankfurter Arbeitsmarktprogramm mbH berufen. Diese Gesellschaft wurde vom Magistrat der Stadt Frankfurt mit der Aufgabe betraut, das aus kommunalen Mitteln finanzierte Frankfurter Arbeitsmarktprogramm (FRAP) für den Bereich der über 25-Jährigen zu administrieren. Weiterhin ist
es Ziel der Gesellschaft, Drittmittel, z. B. Mittel des Europäischen Sozialfonds (ESF) einzuwerben, um so die Möglichkeiten einer kommunalen Arbeitsmarktpolitik zu erweitern.