Der erste richtige Job im ökumenischen Familien-Markt

Sechs Mitarbeiter fördert das Jobcenter über das Teilhabechancengesetz
Gabriele Schirner, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt im Jobcenter Frankfurt, Angelika Jansen von der Fachberatung ABC, und Verena Schlossarek, die Leiterin des ökumenischen Familien-Marktes in Bergen-Enkheim (v. l. n. r.)
Gabriele Schirner, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt im Jobcenter Frankfurt, Angelika Jansen von der Fachberatung ABC, und Verena Schlossarek, die Leiterin des ökumenischen Familien-Marktes in Bergen-Enkheim (v. l. n. r.)
Das ehrenamtliche Engagement ist ein tragender Pfeiler der sozialen Dienstleistungen. Gleichzeitig muss das System von hauptamtlichen Fachkräften professionell – und vielfach mit einem beachtlichen persönlichen Einsatz – gemanagt werden. Hinzu kommt als dritter Faktor die „geförderte Beschäftigung“ von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, deren Vergütung ganz oder teilweise vom Jobcenter bezuschusst wird. Die „geförderte Beschäftigung“ soll Menschen mit längerer Arbeitslosigkeit an den Arbeitsmarkt heranführen und eine Brücke in einen regulären Job bauen. In diesem Sinn wirken die Arbeitsgelegenheiten („Ein-Euro-Jobs“) und die Förderinstrumente des Teilhabechancengesetzes.

Nach diesem Prinzip funktioniert auch der Familien-Markt, das von Verena Schlossarek geleitete Second-Hand-Kaufhaus des Diakonischen Werkes für Frankfurt am Main und des Caritasverbands Frankfurt e. V. Die ökumenische Einrichtung der evangelischen und der katholischen Kirche wird seit 2017 in der Röntgenstraße in Bergen-Enkheim betrieben und war zuvor rund zwanzig Jahre in Bornheim aktiv. Der Familien-Markt ist ein Sozialkaufhaus für Bürgerinnen und Bürger mit Frankfurt-Pass, Leistungsbeziehende des Jobcenters Frankfurt, Frankfurter Studierende mit Studentenausweis und Wohnungslose mit Berechtigungsschein. Menschen ohne Obdach erhalten die Kleidung sogar kostenlos. Der Familien-Markt wirbt mit dem Slogan „Große Auswahl – kleine Preise“. Kleine Preise ermöglichen nicht nur der Einsatz von Personal aus dem Bereich der geförderten Beschäftigung, sondern insbesondere die Sachspenden – Mode für Damen, Herren und Kinder, Heimtextilien, Haushaltswaren, Möbel, Kühlschränke, Waschmaschinen, Haushalts- und Elektrogeräte, Schuhe und Spielzeug. Das Projekt „Besenrein“ erledigt zudem Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen, deren Gegenstände entweder im Familien-Markt kostengünstig weitergegeben oder umweltgerecht entsorgt werden, wenn sie nicht wiederverwendbar sind.

Der ökumenische Familien-Markt nutzt die Fördermöglichkeiten des Teilhabechancengesetzes (siehe Seite 10 dieser Ausgabe). Auf dieser Grundlage hat jeder der beiden Träger bisher drei Beschäftigte eingestellt, deren Vergütung vom Jobcenter übernommen wird. Zu ihnen zählt seit Anfang September 2020 Ewa Kiani, eine aus Polen stammende 57-jährige Mutter von fünf Kindern, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt. Dass sie an ihrem Deutsch noch mächtig arbeiten muss, gibt die gelernte Schneiderin unumwunden zu. Von der Sprachpraxis im Job, den sie in Teilzeit an der Kasse im Familien-Markt ausübt, verspricht sie sich mehr als von Kursen. Diese Tätigkeit ist ihr erster richtiger Job, von einem Einsatz im Regalservice einer Drogeriemarkt-Kette abgesehen. Zuvor war Ewa Kiani wie ihre über das Teilhabechancengesetz geförderten fünf Kolleginnen Teilnehmerin an der Arbeitsgelegenheit, die neben der sozialpädagogischen Begleitung auch eine wöchentliche berufs- und arbeitsplatzbezogene Sprachförderung umfasst. In Rahmen der AGH konnte sie die Arbeit im Familien-Markt kennenlernen und der Betrieb konnte ihre Fertigkeiten erkunden. „Sie ist bei ihrem Einsatz positiv aufgefallen“, erzählt Verena Schlossarek. „Zwei ihrer Kinder studieren, eines absolviert das Abitur, die anderen sind auf einem guten schulischen Weg. Das ist geradezu vorbildhaft.“

Kein Problem für die gelernte Schneiderin und fünffache Mutter aus Polen: Ewa Kiani hat die Nase-Mund-Maske, die sie bei ihrer Tätigkeit an der Kasse im ökumenischen Familien-Markt tragen muss, selbst genäht.
Kein Problem für die gelernte Schneiderin und fünffache Mutter aus Polen: Ewa Kiani hat die Nase-Mund-Maske, die sie bei ihrer Tätigkeit an der Kasse im ökumenischen Familien-Markt tragen muss, selbst genäht.
Die Leiterin des Familien-Marktes ist von der Wirksamkeit der Förderkette überzeugt. „Bei der Integration in die Arbeitswelt brauchen wir oft einen langen Atem. AGH ist ein Instrument, die geförderte Beschäftigung das nächste. Durch deren längere Förderdauer über einen Zeitraum von fünf Jahren haben wir auch einen größeren Planungshorizont, der nicht wie bei AGH von den Mittelzuweisungen eines Haushaltsjahres abhängig ist. Bei der positiven persönlichen Entwicklung unserer Mitarbeiter in der geförderten Beschäftigung geht mir geradezu das Herz auf!“

Seit 2017 wurde Ewa Kiani von der Fachberatung ABC im Jobcenter bei der Überwindung von Vermittlungshemmnissen und der Beseitigung von Stolpersteinen auf dem Weg in Beschäftigung unterstützt, wie Angelika Jansen vom ABC-Team berichtet. Der Handlungsbedarf wurde in den Bereichen „Deutschkenntnisse verbessern“ und „Berufserfahrung ermöglichen“ erkannt. Im teamübergreifenden Zusammenwirkung mit Sabine Fritsche vom bewerberorientierten Arbeitgeberservice des Jobcenters ist die erfolgreiche Arbeitsmarktintegration von Ewa Kiani schließlich gelungen.