Das volle Programm: Einstiegsqualifizierung – Ausbildung – Stützunterricht (abH)

Elektromeister Laurenz Thaler (li.) mit seinem Azubi Mamoudou Diallo, einem jungen Mann aus Guinea in Westafrika
Elektromeister Laurenz Thaler (li.) mit seinem Azubi Mamoudou Diallo, einem jungen Mann aus Guinea in Westafrika

Ausbildung bei Elektro Noack

Elektromeister Laurenz Thaler (51) war schon viermal für jeweils zwei Wochen in Sambia und hat sich an einem Projekt der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main beteiligt, bei dem Jugendliche und junge Erwachsene in diesem zentralafrikanischen Staat in handwerklichen Berufen ausgebildet werden.

Laurenz Thaler hat die persönlichen Voraussetzungen für seinen Einsatzdurch die HWK-Fortbildung zum internationalen Meister geschaffen. Der Frankfurter wird angefordert, wenn er gebraucht wird, und kommt jedes Mal gern, wie er betont. Die Urkunden der HWK zeigt er in seinem Büro bei Elektro Noack mit einem gewissen Stolz. Denn dieser Frankfurter Familienbetrieb mit 20 Monteuren, drei Meistern, einem Elektro-Ingenieur, einem Projektleiter und mehreren Verwaltungsangestellten ist seit sieben Jahren seine Arbeitsstelle – nicht zu vergessen die sieben Auszubildenden, die Laurenz Thaler hier betreut. Sie wollen den Beruf des Elektrikers für Gebäude- und Energietechnik erlernen.

Einer der Azubis ist Mamoudou Diallo, ein fast 21-jähriger junger Mann, der allein und zu Fuß aus seiner Heimat Guinea über Mali, Algerien und Marokko nach Spanien geflüchtet ist. Wie er sich auf den Tag genau erinnert, kam er am 16. Juli 2015 nach Deutschland – ganz ohne Deutschkenntnisse. Frankfurt war seine erste und bisher einzige Station in Deutschland. Das Jugendamt hat sich fürsorglich um den unbegleiteten Minderjährigen gekümmert, wie er berichtet. Es hat ihm den Schulbesuch, die Alphabetisierung, den Hauptschulabschluss ermöglicht und schließlich den entscheidenden Kontakt zu Elektro Noack hergestellt.

Zwei Ausbildungsplatzbewerber hatte Laurenz Thaler damals in der Auswahl und lernte sie in einem zweiwöchigen Praktikum genauer kennen. Einen von ihnen hätte er direkt in die Ausbildung übernommen, der sagte aber ab. Bei Mamoudou entschied er sich, ihm zunächst eine einjährige Einstiegsqualifizierung (EQ) anzubieten, um ihn sprachlich und theoretisch auf die Ausbildung so vorzubereiten, dass gute Aussichten auf einen erfolgreichen Berufsabschlussbestehen. Mit Beginn des Ausbildungsjahres 2019/2020 konnte Mamoudou dann in die reguläre dreieinhalbjährige Ausbildung übernommen werden. Um den Erfolg zu sichern, nimmt der junge Mann aus Guinea von Beginn seiner Ausbildung an einem Stützunterricht, den „ausbildungsbegleitenden Hilfen“ (abH) teil. Dabei werden vor allem Theoriedefizite beseitigt. Dass sich sein Azubi dafür außerhalb der regulären Arbeitszeit freiwillig engagiert, wertet sein Ausbilder Laurenz Thaler als ein sehr positives Zeichen. Das Unternehmen selbst leistet durch interne Schulungen und Fortbildungen einen Beitrag, bei Bedarf insbesondere auch vor Prüfungen.

Schon während seines EQ-Jahres wurde Mamoudou praktisch eingesetzt und hat in unterschiedlichen Teams die Basisarbeiten wie Löcher bohren, Kabel verlegen, Lampen und Steckdosen montieren erledigt. „Er hat die Kollegen viel gefragt und dabei fachlich und sprachlich große Fortschritte erzielt“, berichtet Laurenz Thaler. „Er hat das sehr gut gemacht. Er ist immer pünktlich, höflich und freundlich. Sein Einsatz ist vorbildlich. Wenn es in der Schule noch nicht so toll läuft, können wir Abhilfe schaffen.“ Der Meisterhebt hervor, dass er insgesamt gute Erfahrungen mit Migranten gemacht hat: „Bei uns im Betrieb gilt, dass es keine Diskriminierung gibt und jeder gleichbehandelt wird.“


Einstiegsqualifizierung

Die Einstiegsqualifizierung (EQ) ist ein betriebliches Langzeitpraktikum von mindestens sechs bis maximal zwölf Monaten Dauer. Es dient der Vermittlung von Grundlagen für den Erwerb der beruflichen Handlungsfähigkeit. Die Inhalte orientieren sich an den anerkannten Ausbildungsberufen (§ 4 BBiG, § 25 HwO und AltPflG). EQ kann auf die Ausbildungszeit angerechnet werden, falls eine Ausbildung in dem gleichen Beruf begonnen wird. EQ ist ein wirksames Instrument auch bei der Heranführung von Geflüchteten an das duale Ausbildungssystem in Deutschland. EQ richtet sich an folgende Zielgruppen:

  • Ausbildungsbewerberinnen und -bewerber mit individuell eingeschränkten Vermittlungsperspektiven, die auch nach dem 30. September im Anschluss an die Nachvermittlungsaktionen der Kammern und Arbeitsagenturen keinen Ausbildungsplatz gefunden haben,
  • Ausbildung suchende, die noch nicht in vollem Umfang über die erforderliche Ausbildungsbefähigung verfügen,
  • Lernbeeinträchtigte und sozial benachteiligte Ausbildung suchende.

Bewerberinnen und Bewerber mit Fachhoch- oder Hochschulreife können nur in begründeten Ausnahmefällen gefördert werden. Auch Jugendliche, die noch der Vollzeitschulpflicht unterliegen, können nicht im Rahmen von EQ gefördert werden.

Die Förderung beginnt frühestens ab 1. Oktober. Ein vorzeitiger Beginn der Maßnahme ab 1. August ist für die Bewerberin und für den Bewerber aus früheren Schulentlassjahren („Altbewerber“), Lernbeeinträchtigte und sozial Benachteiligte sowie noch nicht voll ausbildungsreife, junge Menschen möglich.

Mit den EQ-Teilnehmenden wird ein Vertrag mit Vergütungspflichtnach § 26 BBiG abgeschlossen. Der Arbeitgeber trägt die Sach- und Personalkostender EQ sowie den Beitrag an die Berufsgenossenschaft. Die Vergütung wird zwischen dem Betrieb und der EQ-Teilnehmerin bzw. dem EQ-Teilnehmer vereinbart. Tarifliche Vereinbarungen müssen beachtet werden. Die Arbeitsagentur oder das Jobcenter erstattet dem Arbeitgeber auf Antrag einen Zuschuss zur EQ-Vergütung bis zur Höhe von 231 Euro monatlich. EQ ist ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis. Hierzu erhält der Arbeitgeber von der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter einen pauschalierten Anteil am durchschnittlichen Gesamtsozialversicherungsbeitrag. Dieser Betrag wird jährlich neu berechnet. Für die Dauer des individuellen Förderzeitraums bleibt dieser Betrag konstant.

Falls Berufsschulpflicht besteht, muss sie erfüllt werden. Der Besuch einer Fachklasse ist anzustreben, auch bei nicht mehr berufsschulpflichtigen Teilnehmerinnen bzw. Teilnehmern. Die Förderung wird auch für Zeiten des Berufsschulunterrichts gezahlt.

Der Arbeitgeber ist verpflichtet, am Ende des Praktikums eine Bescheinigung über die vermittelten Kenntnisse und Fertigkeiten (betriebliches Zeugnis) auszustellen. Die jeweilige zuständige Stelle (Kammer)stellt auf Antrag des Unternehmens oder des Teilnehmenden auf der Basis des betrieblichen Zeugnisses ein Zertifikat über die erfolgreiche Teilnahme an der EQ aus. Dieses bildet die Grundlage für eine mögliche Verkürzung einer anschließenden Ausbildung nach § 8 BBiG oder§ 27b HwO.

Sowohl IHK und HWK als auch die Arbeitsagentur und das Jobcenter beraten interessierte Betriebe gern bei allen Fragen im Zusammenhang mit der Einstiegsqualifizierung.