Herzschlag, Schutzmasken und Systemrelevanz – Tourismus bis 2022 in Quarantäne?

Eduard M. Singer Director Operations IHG Hotels, Vorsitzender des DEHOGA Frankfurt
Eduard M. Singer Director Operations IHG Hotels, Vorsitzender des DEHOGA Frankfurt


Die weltweite Corona-Pandemie wird den Tourismus nachhaltig mindestens bis 2022 beschäftigen.


Der Lockdown hat eine bis vor kurzem unvorstellbare Situation mit sich gebracht: Die meisten Betriebe sind seit März 2020 heruntergefahren, die Gastronomiebetriebe sind geschlossen und dürfen lediglich Liefer- und Abholdienste anbieten. 85 Prozent der Hotellerie haben ihre Türen zu. Die Tourismusbranche steht still, nichts ist mehr wie vorher. Ein Großteil der 65.000 Beschäftigten der Frankfurter gastgewerblichen Unternehmen sind in Kurzarbeit. Der Einschnitt in das private und berufliche Leben ist für jeden spürbar. Homeoffice oder 100 Prozent Kurzarbeitergeld (KuG), jedes Unternehmen entscheidet individuell. Unternehmer und Mitarbeiter bangen um ihre Existenzen. Wie geht es weiter? Wie können Mieten und Lebensmittel bezahlt werden, wer bezahlt Pachten und Fixkosten? Eine unglaublich surreale und erdrückende Zeit. Verbände und Gewerkschaften fordern die Aufstockung des KuG, Unternehmer Nullrunden bei zukünftigen Tarifverhandlungen.

Der Herzschlag einer lebendigen Stadt wie Frankfurt am Main schlägt viel langsamer, fast schon lethargisch. Leere Straßen, geschlossene Cafés, Restaurants, Pubs, Bars. Das pulsierende Nachtleben bleibt aus. Die Dippemess und ihre 675-Jahresfeier wurde abgesagt, ebenso wie Wäldchestag, Main- und Museumsuferfest. Großveranstaltungen sind untersagt, über Fußball wird noch diskutiert. Autokinos blühen auf.

Was ist systemrelevant? Einzelhandel, Drogeriemärkte und Apotheken oder doch auch der soziale Kontakt, Essen und Trinken, Treffen und Lachen. Eine Stadt wie Frankfurt spürt aktuell umso deutlicher, dass Tourismus, Hotellerie und Gastronomie deren Lebendigkeit ausmachen. Dienstleistung, Hospitality, Regionalität, Wurzeln, Identifikation, Hoffnung, Lebensfreude, all das steht für das Gastgewerbe und für den Tourismus. Und all das fehlt momentan. Bisher haben Verbände wie DEHOGA, FHA und IGF stets versucht, die Politik mit Branchenkennzahlen zu überzeugen: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, Auszubildende, Umsatz, Steuerrelevanz. Jeder spürt in dieser außergewöhnlichen Zeit, dass Tourismus mehr als Zahlenwerk ist. Tourismus bedeutet Lebendigkeit, Passion, Lebensfreude und Ansehen, Puls und Identität einer Stadt.

Das Gastgewerbe in Frankfurt beschäftigt unter anderem 1.465 Auszubildende in einer Reihe von Berufsfeldern. Auszubildende haben aktuell im Februar neu begonnen, freuten sich auf Gäste, Kollegen und großartige Momente in Berufsschule und in den Betrieben. Die aktuelle Realität sind jedoch Schulungen, Unterweisungen, Gartenarbeit und LegionellenSpülungen. Aber gerade jetzt stehen Zusammenhalt und Teamspirit an oberster Stelle.

Die Pandemie, die Krise um COVID-19, der Lockdown, all das wird uns weiter beschäftigen, und die Rückkehr zur Normalität wird dauern. Entscheidungen der Politik sind zu beachten, Zug um Zug gelockerte Gegebenheiten geben Spielraum für Hoffnungen.

Die Reduzierung der MWSt. in der Gastronomie auf 7 % auf Speisen bis 30. Juni 2021 ist ein Ansatz, aber keine gute dauerhafte, entlastende, wettbewerbsfähige und tragbare Lösung. Die Reduktion der MWSt. dauerhaft auf 7 % für Speisen und Getränke wäre eine und die einzige entlastende Entscheidung. Dies würde das Gastgewerbe um 6,5 Milliarden Euro laut DIW entlasten. Das klingt nach viel Geld, ist aber ganz sicher kein Geschenk, sondern zum Erhalt der Betriebe dringend erforderlich. Was weiter fehlt, ist eine finanzielle Entlastung der Unternehmen. Stundungen und Darlehen helfen nur kurzfristig und werden mittel- und langfristig zu einem Problem. Denn Stundungen, die zu Forderungen werden, werden in der derzeitigen Gesamtsituation klar zu einer Ausdünnung von ca. 40 % der Gastronomiebetriebe führen.

Auch der Römer muss sich hier bewegen und einen kommunalen Hilfefond für das Gastgewerbe aufstellen sowie SondernutzungserlaubnisGebühren für Terrassen erlassen und Pachten für eigene Liegenschaften aussetzen. Ebenfalls muss ein Plan für den Neustart, die Öffnungen von Hotels und Gastronomiebetrieben erstellt werden. Was der Einzelhandel kann, ist im Gastgewerbe auch möglich. Die Wahrung der Distanz, Öffnung von Terrassen mit Personenbeschränkungen, Hygienekonzepte, Frühstück in Boxen oder kontaktlos als Roomservice, Check-in und per Aufzug ins separierte Zimmer – das ist alles problemlos möglich.

Wann wird Reisen wieder möglich sein? Reiserestriktionen werden noch anhalten, Großveranstaltungen und Messen werden ausbleiben. Tagungen und Konferenzen werden digitaler werden, Urlaub, Wellness, Städtereisen mittelfristig reduziert. Corona wird uns sicherlich zwei Jahre lang beschäftigen und unser Handeln, unser Leben einschränken und prägen. Das Kulturgut Gastgewerbe wird ein anderes sein, das Gesicht von Metropolen wird eine Narbe bekommen, Die Fachkräftesituation wird durch steigende Arbeitslosenzahlen verändert. Uns bleibt der Mut und der Zusammenhalt der Branche, die Hoffnung auf Veränderung, die Zuversicht, dass Politik jetzt finanziell schnell hilft und der Wunsch auf Achtung und Wertschätzung einer Branche, die für soziale Kontakte, Lebendigkeit, Hoffnung, Freiheit, Leidenschaft und pulsierendes Leben steht.