Ausbildung – Neue Herausforderungen für die Fachkräftesicherung

Philipp Jacks, Vorsitzender des DGB Frankfurt und alternierender Vorsitzender des Beirats des Jobcenters Frankfurt am Main
Philipp Jacks, Vorsitzender des DGB Frankfurt und alternierender Vorsitzender des Beirats des Jobcenters Frankfurt am Main

Die Coronapandemie hat den Ausbildungsmarkt in ganz Deutschland in mehrerlei Hinsicht getroffen und bestehende Probleme verschärft. Es ist zu befürchten, dass der Ausbildungsmarkt und das duale System langfristig Schaden davon tragen, wenn nicht aktiv von Politik und Unternehmen gegengesteuert wird. Der beruflichen Bildung droht ein dauerhafter Bedeutungsverlust mit noch weniger Ausbildungsbetrieben und weniger Jugendlichen in Ausbildung. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen für das Berichtjahr 2019/2020 einen Rückgang der gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber von 38.818 und gleichzeitig einen Rückgang der gemeldeten betrieblichen Ausbildungsplätze von 41.470. Trotz der gesunkenen Anzahl an Interessierten waren zum 30.9.2020 bundesweit noch fast 30.000 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz. Die prozentualen Zahlen für die Stadt Frankfurt sehen ähnlich aus.

Vergleicht man die Situation mit der globalen Finanzkrise 2008/2009, lässt sich befürchten, dass die verlorenen Ausbildungsplätze nicht mehr aufgeholt werden können. Im Jahr 2007 wurden bundesweit noch 625.884 Ausbildungsverträge geschlossen. Im Krisenjahr 2009 reduzierte sich die Zahl um über 50.000. Im Jahr 2019 waren es noch 525.081. Im Vergleich zu 2007 also über 90.000 weniger.

Die Krisen auf dem Ausbildungsmarkt haben sowohl Folgen für junge Menschen, die auf Grund zu weniger Ausbildungsplätze oft in berufsvorbereitenden Maßnahmen landen, als auch für die Unternehmen. Schon jetzt gibt es in einigen Branchen teilweise massive Probleme, Fachkräfte zu gewinnen. Eine Krise auf dem Ausbildungsmarkt führt zu einem Fachkräfteproblem. Teilweise wird dieses Problem ausgelagert, indem Arbeitskräfte aus dem EU-Ausland oder Drittstaaten angeworben werden müssen.

Duale Ausbildung – keine Sicherheit in der Krise?

Bedingt durch die Coronapandemie konnten zahlreiche Maßnahmen der Berufsorientierung nicht stattfinden. Virtuelle Ausbildungsplatzmessen, Social-Media-Kampagnen und andere Angebote im digitalen Raum konnten reale Begegnungen, Messen, Schulbesuche und Praktika nicht ersetzen. Doch dies allein reicht nicht als Erklärung, warum sich über 38.000 Jugendliche weniger bei der Arbeitsagentur gemeldet haben. Schon in der Finanzkrise konnte festgestellt werden, dass es eine Ausweichbewegung gibt und andere Qualifizierungswege eigeschlagen werden, weil die duale Ausbildung als unsicherer im Vergleich zu Alternativen angesehen wird. Junge Menschen mit Hochschulzugang wählen dann eher die Hochschulbildung, andere verfolgen einen weiterführenden Schulabschluss und gehen lieber noch ein paar Jahre in das vertraute System Schule, wieder andere wählen erstmal Berufsvorbereitungsmaßnahmen oder suchen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung1 zeigt, wie junge Menschen die Lage für sich analysieren. So schätzen 61% der Befragten ein, dass die Chancen auf einen Ausbildungsplatz durch die Coronakrise schlechter geworden sind, bei den Befragten mit niedrigem Schulabschluss sind es sogar 70%.

Fachkräftesicherung braucht Ausbildungsgarantie

Die auf Bundes- und Landesebene getroffenen Maßnahmen sind gut, werden vermutlich aber nicht ausreichen, um den Ausbildungsmarkt auch langfristig zu stabilisieren. Um das duale Ausbildungssystem krisenfester zu machen, fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund deshalb eine Ausbildungsgarantie. Die duale Ausbildung muss sicher sein. Allen Jugendlichen muss auf jeden Fall der Eintritt ins erste Ausbildungsjahr möglich sein, entweder über berufliche Schulen oder bei außerbetrieblichen Ausbildungsstätten. Im zweiten Ausbildungsjahr sollen die Jugendlichen dann möglichst in einen Betrieb wechseln. Ebenso brauchen die Ausbildungsbetriebe mehr Unterstützung – zum Beispiel finanziert durch Fonds, in den nicht-ausbildende Betriebe einzahlen.

Die Unternehmen haben es selbst in der Hand, dem drohenden Fachkräfteproblem entgegenzuwirken. Dazu müssen zum einen ausreichend Ausbildungsplätze2 zur Verfügung stehen und zum anderen muss die dualen Ausbildung durch bessere Qualität3 , bessere Vergütungen und berufliche Perspektiven attraktiver werden.