Fachkräfte gewinnen – in Köpfe investieren

Karl-Heinz Huth, seit neun Jahren Leiter der Agentur für Arbeit Frankfurt, zu den Perspektiven des Arbeits- und Ausbildungsmarktes in der Rhein-Main-Region



In wenigen Wochen beginnt für Sie die inaktive Phase Ihres Vorruhestands. Nach neun Jahren an der Spitze der Agentur für Arbeit Frankfurt endet dann eine lange und erfolgreiche Laufbahn in der Arbeitsverwaltung. Die Bundesagentur für Arbeit hat sich in dieser Zeit grundlegend verändert, so wie sich die Arbeitswelt und der Arbeitsmarkt auch gewandelt haben. Nirgends zeichnet sich dieser Wandel vielleicht deutlicher ab als beim Ausbildungsmarkt. Ist aus dem früheren Arbeitgebermarkt ein Bewerbermarkt geworden, bei dem die Ausbildungsbetriebe jetzt im Wettbewerb um den berufl ichen Nachwuchs stehen?


Ja, ich glaube schon. Wir erleben zurzeit, dass die „Babyboomer“ der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, es wurde die Rente mit 63 eingeführt und gleichzeitig suchen die Unternehmen Fachkräfte, zum Teil händeringend. Sie bekommen in unserem Wirtschaftssystem Fachkräfte am besten über eine duale Ausbildung. Deshalb suchen Betriebe in Frankfurt wie in ganz Hessen intensiv junge Menschen für eine Ausbildung – „intensiv“, weil auch der Trend zum Studium ungebrochen ist. Seit Jahren übersteigt die Zahl der Studierenden die der Auszubildenden. Weit über 50 Prozent der Frankfurter Schüler wechseln von der vierten Klasse in den Gymnasialbereich. Viele junge Menschen wollen das Abitur ablegen oder die Fachhochschulreife erwerben und haben das primäre Ziel, ein Studium aufzunehmen. Sie fehlen für die duale Ausbildung. Das merken wir in vielen Branchen, in vielen Handwerksberufen, in der Gastronomie, im Pfl egebereich und bei den Erziehern. Überall werden junge Menschen für die duale Ausbildung gesucht. 


Betrachten Sie das System der dualen Ausbildung nach wie vor als einen „Königsweg“ der Fachkräftesicherung – zumindest in Teilbereichen der Wirtschaft?


Ja, davon bin ich überzeugt. Die duale Ausbildung ist nicht umsonst ein Exportschlager, weil sie die schulische Ausbildung mit dem Lernen im Betrieb verbindet. Nach meiner Auffassung war und ist die duale Ausbildung einer der wichtigen Erfolgsfaktoren der deutschen Wirtschaft. Wir sollten versuchen, das System noch lange zu halten, auch wenn ein Wandel zu erwarten ist, indem z. B. das duale Studium immer mehr Raum einnehmen wird. Wir werden zunehmend junge Menschen für die duale Ausbildung gewinnen und begeistern, wenn wir ihnen die Chance geben, in einem dualen System Studium und Ausbildung erfolgreich miteinander zu verbinden. 


Sind Studienabbrecher ein geeignetes Klientel für die Ausbildungsbetriebe?


Durchaus. Wir kümmern uns in Frankfurt systematisch im Rahmen einer sehr erfolgreichen Kooperation mit IHK und HWK um die Gruppe der Studienabbrecher und „Studienzweifl er“, wenn ich sie einmal so bezeichnen darf. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Arbeitsagentur und der Kammern sind sowohl an der Goethe-Universität als auch an der Fachhochschule Frankfurt präsent. Wir beraten junge Menschen, die erkennen, dass ein Studium für sie vielleicht nicht der richtige Weg ist, damit sie aufgefangen werden und nicht in ein Loch fallen, sondern die duale Ausbildung als eine sinnvolle Alternative erkennen und annehmen. Diese Kooperationsprojekte laufen sehr gut und sind ein wertvolles Instrument, den Betrieben Auszubildende zuzuführen.


Wie kann die Agentur für Arbeit die Betriebe wirkungsvoll dabei unterstützen, die passenden Auszubildenden zu finden?


Wir haben mehrere Ansatzpunkte: Wir beginnen mit der berufl ichen Beratung in den allgemeinbildenden Schulen jetzt noch früher. Unsere Berufsberaterinnen und Berufsberater werden nach den Sommerferien 2019 verstärkt bereits in den Vorvorentlassklassen Orientierungsveranstaltungen anbieten. Dabei sind wir auf die Fortsetzung einer sehr guten Kooperation mit den Schulen angewiesen, weil wir auch Raumbedarf haben – in einer Situation, in der neue Schulen gebaut werden müssen, um höhere Einwohner- und Schülerzahlen zu bewältigen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in einer guten Partnerschaft mit der Stadt Frankfurt eine Regelung fi nden. Eine frühe und intensive Berufsberatung betrachte ich als ein Instrument zur nachhaltigen Unterstützung der Betriebe.

Ein wirksames Förderinstrument ist nach meinem Dafürhalten und aufgrund der positiven Erfahrungen der vergangenen Jahre die Einstiegsqualifi zierung (EQ) vor dem Beginn einer regulären dualen Ausbildung. Mit EQ konnten wir sehr erfolgreich auch gefl üchtete junge Menschen auf eine spätere Ausbildung vorbereiten.

Ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) sind ein weiteres bewährtes Angebot der Bundesagentur für Arbeit zur Unterstützung von jungen Menschen, die vielleicht in der Theorie Schwierigkeiten haben und mit dem Stützunterricht im Rahmen von abH ihre Ausbildung erfolgreich beenden können. Ich meine, dass die Betriebe abH verstärkt in Anspruch nehmen könnten, um einen Ausbildungsabbruch zu verhindern. Wenn Betriebe einen 1A-Kandidaten für die Ausbildung nicht fi nden, sollten sie auch einem 1B-Bewerber eine Ausbildungschance geben und eventuell mit EQ beginnen und abH von Beginn der Ausbildung an nutzen. Es funktioniert, wenn die Betriebe, die Kammern und die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam handeln. 


Sie erwähnen die geflüchteten jungen Menschen …


Es ist ganz offenkundig, dass die Betriebe zunehmend junge Menschen aufnehmen müssen, die neu in unserem Land sind und deren Sprachkenntnisse noch nicht das optimale Niveau erreicht haben, die aber wollen und über eine starke praktische Begabung verfügen. Gemeinsam mit diesen jungen Menschen müssen wir versuchen, sie an eine Fachkrafttätigkeit heranzuführen. Das ist nicht nur die vielfach so bezeichnete „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sondern eine Notwendigkeit im Interesse der Betriebe selbst. Als Beispiel für eine ambitionierte Umsetzung fällt mir die Firma Samson ein, die mehr als dreißig geflüchtete junge Menschen ausbildet. Sie werden durch ein Patenschaftsmodell im Betrieb begleitet und das Unternehmen hat Finanzmittel für Sprachförderung und Sozialarbeit bereitgestellt. An diesem Beispiel wird deutlich: Es geht nicht mehr zum Nulltarif, wenn man Fachkräfte gewinnen will. Ausbildung kostet genauso viel, als würde man eine neue Maschine kaufen. Ich muss in die Köpfe investieren, damit ich nicht über den Fachkräftemangel diskutieren muss.


Ist der Ausbildungsmarkt in Frankfurt am Main von der Besonderheit geprägt, dass er für junge Bewerber aus dem näheren und weiteren Umland attraktiv ist?


Wir sind gegenwärtig in einer anderen Richtung unterwegs. Als ich vor neun Jahren in Frankfurt angefangen habe, kamen noch viele junge Menschen aus den neuen Bundesländern, um in der Rhein-Main-Region eine duale Ausbildung aufzunehmen. Das hat sich inzwischen geändert, weil Jugendliche in den neuen Bundesländern eher heimatnah eine Ausbildung absolvieren können und nicht mehr in die Ballungsräume München, RheinNeckar, Frankfurt-Rhein-Main abwandern müssen. Hinzu kommt nunmehr, dass auch junge Menschen in Frankfurt einen bezahlbaren Wohnraum finden und ggf. von ihrer Ausbildungsvergütung finanzieren müssen. Es kommt also darauf an, das Arbeitspotenzial der in Frankfurt lebenden Menschen zu nutzen. Wir haben noch sehr viele Arbeitnehmer ohne Berufsausbildung, im Jobcenter haben mehr als zwei Drittel der Gemeldeten keine Berufsausbildung. Es gilt also, diese Menschen für eine Qualifizierung zu gewinnen, damit sie die Fachkräfte für morgen werden können. 


Mehr als 400.000 Einpendler nach Frankfurt sind ein entscheidender Faktor für den Arbeitsmarkt. Welche anderen Faktoren sind wichtig?


Wenn wir wollen, dass weiterhin 400.000 Einpendler nach Frankfurt kommen, muss das Pendeln attraktiv gemacht werden, es muss leicht, einfach und kostengünstig sein, sonst wird der eine oder andere überlegen, ob er in die Stadt kommt. Hier ist der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs eine gute Strategie, ein Jobticket z. B. ist heute fast in jedem Unternehmen der Standard, um Menschen als Pendler in die Stadt zu bekommen. 

Ich finde es faszinierend, dass es in dieser Stadt neben den Möglichkeiten des Studiums auch Einrichtungen der Forschung und der Lehre gibt und dass sie sich mit der Wirtschaft sehr stark vernetzen. Einrichtungen wie das House of Logistics oder Projekte im IT-Bereich machen deutlich, dass die Vernetzung von Forschung und Entwicklung mit Unternehmen ein Schlüssel für die erfolgreiche Entwicklung des Arbeitsmarktes in der Stadt Frankfurt bereits ist und zunehmend an Bedeutung gewinnt. 


Wir haben eingangs über den Wandel gesprochen, der sich besonders an dem Begriff „Industrie 4.0“ festmachen lässt. Was haben die Unternehmen zu erwarten? Welche personalpolitischen Konsequenzen ergeben sich daraus?


Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hat die Auswirkungen bereits vor einigen Jahren untersucht und kommt zu dem Schluss, dass es sogenannte Substituierungspotenziale der Berufe gibt, also Anteile der Tätigkeiten in einem Beruf, die von Computern oder computergesteuerten Maschinen erledigt werden könnten. Das IAB hat die Untersuchung mittlerweile regional vertieft: In einzelnen Regionen liegt das Substituierungspotenzial bei 15 bis 20 Prozent, in anderen mehr als doppelt so hoch. Die Auswirkungen auf die Arbeitswelt sind offenkundig, es wird größere Verschiebungen von Arbeitsplätzen zwischen Branchen, Berufen und Anforderungsniveaus in der digitalen 4.0-Welt geben. 


Welche Möglichkeiten haben Sie als Agentur für Arbeit, die Betriebe und ihre Mitarbeiter bei der Qualifizierung zu unterstützen?


Wir hatten bisher das Förderprogramm „WeGebAU“, das jetzt zum Qualifizierungschancengesetz weiterentwickelt wurde. Ich denke, damit wurde ein zukunftsweisendes Instrument geschaffen. Auf dieser gesetzlichen Grundlage ist es möglich, die industrielle Revolution 4.0 durch die Qualifizierung von Mitarbeitern zu begleiten und die Anpassungsprozesse durch eine finanzielle Förderung zu unterstützen. Die Betriebe haben gegenwärtig volle Auftragsbücher, die Wirtschaft boomt, es sind allenfalls einzelne dunkle Wolken erkennbar. Sollte sich ist die wirtschaftliche Entwicklung jedoch eintrüben, können Betriebe in ihrem Bestreben, Fachkräfte zu halten und/oder neue zu bekommen, das Qualifizierungschancengesetz heranziehen. Unser Arbeitgeber-Service unterstützt Unternehmen durch Beratung, wie dieser Strukturwandel mit einer Förderung von Beschäftigten bei Qualifizierungsmaßnahmen begleiten werden kann. 


Ist es schwierig, in Zeiten der Hochkonjunktur Betriebe für die Qualifizierung von Mitarbeitern zu gewinnen?


Das Gesetz ist erst zum Jahresbeginn 2019 in Kraft getreten. Aber wir sehen: Der Beratungsbedarf ist da. Allerdings bedarf die Umsetzung von konkreten Projekten einer weiteren Information und einer vertieften Beschäftigung der Unternehmen allgemein mit diesem Thema und speziell mit diesem Förderinstrument. Aber das wird kommen.


Die Arbeitsagentur ist der eine Big Player, der andere ist das Jobcenter Frankfurt – eine gemeinsame Einrichtung der Stadt Frankfurt und der Bundesagentur für Arbeit. Das heißt, die beiden Träger haben Einfluss auf die Geschäftspolitik des Jobcenters. Profitieren alle von dieser Zusammenarbeit?


Ihre Frage beantworte ich mit einem absoluten und uneingeschränkten Ja. Die Schaffung des Jobcenters Frankfurt als einer gemeinsamen Einrichtung im Jahr 2005 im Rahmen der Einführung des SGB II war eine gewaltige Herausforderung – organisatorisch, rechtlich und personell, einfach in jeder Hinsicht. Etwa zwei Drittel der arbeitslosen Menschen in der Stadt Frankfurt betreut das Jobcenter, über 70.000 Menschen hängen vom Jobcenter ab. Grundlage für die erfolgreiche Entwicklung des Jobcenters ist besonders auch die gute und vertrauensvolle Kooperation auf der Trägerseite mit der Sozialdezernentin Prof. Dr. Daniela Birkenfeld und die tolle Zusammenarbeit mit der Jobcenter-Geschäftsführung in Person von Frau Czernohorsky Grüneberg. Wir haben es geschafft, dass wir oft gemeinsam am Arbeitsmarkt auftreten. Die Netzwerke und Partner in der Region erleben uns als gemeinsam handelnde und gemeinsam verantwortliche Akteure, die das Ziel verfolgen, den Frankfurter Arbeits- und Ausbildungsmarkt positiv zu gestalten. Ein wichtiger Partner sind dabei die leistungsfähigen Bildungsträger und die verschiedenen intakten Netzwerke. Ein Beispiel vorbildlicher Zusammenarbeit ist das Jugendjobcenter, die Jugendberufsagentur in der Stadt Frankfurt. Im Bereich der beruflichen Rehabilitation kooperieren wir mit einem eigenen Team. Ich bin froh, dass die Partner hier in Frankfurt so gut zusammenarbeiten!


Wo sehen Sie die Herausforderungen des Arbeitsmarktes in den nächsten Jahren?


Über die wesentlichen Punkte haben wir bereits gesprochen – demographische Entwicklung, Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge, Rente mit 63, Fachkräftebedarf und Industrie 4.0. Weitere wichtige Themen sind die Entkopplung von Arbeitsort und Tätigkeit und die weltweite Verflechtung – denken Sie an das Projekt Seidenstraße auf der einen Seite und den Handelsprotektionismus auf der anderen. Bezogen auf den Mikrokosmos Frankfurt-Rhein-Main meine ich, dass wir für die Bewältigung dieser Herausforderungen sehr gut gerüstet sind, weil alle verantwortlichen Akteure – Kammern, Stadt, Wirtschaftsförderung, Jobcenter, Arbeitsagentur, Bildungsträger, Netzwerkpartner – zum Wohl der Menschen und der Betriebe in der Region sehr gut zusammenarbeiten. 


Die Agentur für Arbeit Frankfurt ist Teil der Bundesagentur für Arbeit, für die als Bundesbehörde das Prinzip eines einheitlichen Verwaltungshandelns gilt. Das schafft einerseits Rechtssicherheit und gewährleistet Kontinuität auch im Übergang, kann andererseits die Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit vor Ort aber auch einschränken. Wo konnten Sie in diesem Rahmen während Ihrer Amtszeit Akzente setzen?


Besonders wichtig war mir die Neuorganisation des Arbeitsmarktes im Zuge der Reformen des Jahres 2005. Es galt, die Folgen genau zu beleuchten und zu erkennen, was man besser machen kann und muss. Ich glaube, dass es uns gemeinsam mit dem Partner sehr gut gelungen ist, die richtigen Erkenntnisse nicht nur zu gewinnen, sondern auch umzusetzen. Ich finde es toll, dass wir eine Jugendberufsagentur in der Stadt Frankfurt eingerichtet haben, dass wir uns auf leistungsfähige Bildungsträger stützen können, dass wir in der Arbeitgeberansprache gemeinsam auftreten – wie das Beispiel des Magazins Personal direkt zeigt – und viele Veranstaltungen gemeinsam durchführen, über 300 Bewerberbörsen allein am Standort in der Fischerfeldstraße. Diese Gemeinsamkeit ist kein Selbstzweck, sondern richtet sich auf das große Ziel, Menschen nachhaltig in Arbeit zu bringen. Die Arbeitslosenquote von 4,9 Prozent spricht für sich. Das hätte ich vor neun Jahren wirklich nicht gedacht, dass eine Großstadt wie Frankfurt eine Arbeitslosenquote unter 5 Prozent erreichen kann.